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Mittwoch, 21. Februar 2018
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Interview mit einer Hebamme

Maria Kremer ist seit fast 20 Jahren Hebamme. Sie hat uns ein spannendes Interview rund um den Beruf der Hebamme und die veränderten Bedingungen in der Geburtshilfe gegeben und aus dem Leben einer Hebamme erzählt.

Interview mit einer Hebamme
Hebammen sind wichtige Begleiterinnen für Frauen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett
(c) Getty Images/Wavebreak Media

Warum sind Sie Hebamme geworden?

Ich wollte das schon immer werden, irgendwie kam für mich nie etwas anderes ernsthaft infrage. Ich glaube, das war eine unterbewusste Entscheidung, die ich auch nie infrage gestellt habe.

Wie lange sind Sie schon Hebamme? Wissen Sie, wie viele Geburten Sie schon begleitet haben?

Ich habe 1996 mein Hebammenexamen abgelegt und seit dem betreue ich unter anderem Geburten. Wie viele das insgesamt bis jetzt waren, weiß ich nicht. Ich halte das aber auch für unerheblich, da ich die Kompetenz einer Hebamme nicht an der Zahl der betreuten Geburten festmachen würde. In großen Kliniken werden manchmal vier bis fünf Frauen von einer Hebamme pro Schicht entbunden, das hat nichts mehr mit Betreuung/Begleitung der Frauen zu tun, das ist in meinen Augen eher „Abfertigung“. Da geht es letztlich nur darum, aufzupassen, dass nichts Dramatisches passiert und die Geburten laufen weitestgehend programmiert ab. Das hat für mich nichts mit qualitativer Hebammenarbeit zu tun.

Können Sie sich noch an „Ihre“ erste Geburt erinnern?

Ja! Das war eine Frau, die im Vierfüßlerstand entbunden hat und ich war nicht darauf vorbereitet, dass Neugeborene so „flutschig“ sind, sodass mir das Kind knapp über dem Boden aus den Händen und unter das Bett rutschte. Glücklicherweise war es ja noch an der Nabelschnur, sodass es durch die kurzzeitig entstandene Spannung an der Nabelschnur wieder „ zurückgeschleudert“ wurde und in zwei Sekunden wieder an Ort und Stelle lag. Die Situation war nicht so dramatisch wie es sich jetzt anhört, eher lustig für alle Beteiligten, einschließlich der Mutter.

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Die Verschiedenartigkeit der Frauen/Paare. Es gibt kein Patentrezept zur guten Betreuung von werdenden Eltern. Jede Frau, jedes Paar ist anders „gestrickt“, hat andere Vorerfahrungen und Erwartungen. Diese Frauen/Paare dort abzuholen, wo sie stehen und dementsprechend zu beraten, um ihnen die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett so angenehm, wie möglich zu machen, macht mir am meisten Spaß. Durch die Gespräche und Treffen, in denen auch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, können viele Ängste abgebaut und Selbstvertrauen gegeben werden, manche Frauen wachsen dadurch unter der Geburt oder im Wochenbett über sich hinaus. Das ist sehr schön und freut mich immer sehr. Abgesehen davon ist natürlich der Moment, in dem das Kind geboren wird immer noch, auch nach 18 Jahren, ein faszinierender und wunderbarer Moment, in dem gefühlt die Welt stillsteht.

Das nicht planbare, kraftvolle Ereignis der Geburt – wie gehen Mütter/Paare damit um?

Sehr, sehr unterschiedlich! Es gibt einige Frauen, die mit sehr hohen Erwartungen an sich unter die Geburt gehen und in den meisten Fällen dann relativ schnell von den eigenen Grenzen eingeholt werden, letztendlich frustriert sind und die Schuld des „Versagens“, bei sich suchen. Das ist immer sehr schade und muss nicht sein. Andererseits gibt es aber auch einige Frauen, die sich das Ereignis der Geburt und das Leben mit einem Kind etwas zu einfach vorstellen. Trotzdem gibt es natürlich auch viele Frauen/Paare, die unverkrampft und intuitiv ihren eigenen nicht kontrollierbaren/planbaren Weg unter der Geburt gehen können und dann funktioniert es meistens am Besten!

Gibt es etwas, das Sie jungen Eltern gern sagen würden, es aber in der Regel nicht machen? 

Am häufigsten und liebsten sage ich, aber nicht nur zu jungen Eltern: Bewahrt euch euren klaren Menschenverstand! Durch vielzählige Medien und Aufklärungspflichten werden viele Eltern massiv verunsichert. Das führt dazu, das Ängste geschürt werden und demzufolge Frauen/Paare die Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett nicht als entspannt und normal erleben können, wie es eigentlich sein sollte, um die Einzigartigkeit und Freude auch tatsächlich wahrnehmen und empfinden zu können. Diese Glücksmomente oder entspannten Phasen sind die Voraussetzungen dafür, als Familie wirklich zusammen zuwachsen zu können und der Zukunft optimistisch entgegenzusehen. Mit klarem Verstand kann man sich heutzutage gut gegen die Flut von Angeboten und Risikoaufklärungen, von wem auch immer, zu Wehr setzen und sich damit etwas Normalität erhalten. Außerdem sollten werdende Eltern immer hinterfragen, wer sagt was, wann und mit welchem Ziel. Es steht eine großer Industriezweig hinter dem Thema „Eltern werden und sein“, der mit der Angst und Unsicherheit der werdenden Eltern Geld verdienen will und muss.

Mit welchen Fragen oder Unsicherheiten kommen junge (werdende) Eltern besonders häufig auf Sie zu?

Am häufigsten ist die „ Angst vor den Schmerzen unter der Geburt“, Thema in Gesprächen mit insbesondere jungen Eltern. Durch Geburtsvorbereitung oder einzelne Gespräche über die v.a. hormonellen Veränderungen unter der Geburt, die letztlich das Schmerzempfinden dämpfen können, alternative und schulmedizinische Schmerzmittelmöglichkeiten, können diese teilweise übersteigerten Ängste eindämmt werden.

Ausschlaggebend für den Umgang mit den Schmerzen ist  aber ebenso ein vertrauensvolles Verhältnis der Schwangeren zu den betreuenden Personen (Hebamme, Arzt). Nur in einer solche Atmosphäre können die Hormone unter der Geburt, so wirken, wie sie sollen: sedierend, sodass die Frauen viele Dinge unter der Geburt „ verschleiert“ wahrnehmen oder sich im Nachhinein gar nicht daran erinnern können.

Wie haben sich die Geburtsabläufe im Krankenhaus seit Ihren Anfängen verändert?

Geburten sind heutzutage im Krankenhaus immer mehr vorgegebenen Qualitätsstandards unterworfen. Das bedeutet, es gibt mehr zeitlichen Vorgaben, wann und wie eine Geburt abzulaufen hat, mehr vorgeschriebene Interventionsmaßnahmen im Komplikationsfall und auch die juristische Absicherung von Hebamme und Arzt/in spielt eine zunehmend größere Rolle, sodass letztendlich eine Geburt immer seltener einfach nur „geschehen“ kann, sondern organisierter und planbarer geworden ist. Da dieses heute zur Normalität geworden ist, kommen kaum jemandem Zweifel an der gelebten Praxis, sodass Individualität und Intuition oft verloren gehen.

Kaiserschnitte haben zugenommen. Aber gibt es heute auch häufiger Interventionen wie Geburtseinleitung & wehenfördernde Mittel als früher?

Es gibt deutlich mehr Geburtseinleitungen und wehenfördernde Mittel vor und unter Geburt als früher. Mittlerweile ist es eine Seltenheit, dass Geburten ohne jegliche Medikamente oder Interventionen auskommen können und dürfen. Diese ist letztlich der Pauschalisierung einer Geburt, in sich permanent verändernden und bis ins kleinste Detail geplanten  geburtshilflichen Leitlinien und Standards, geschuldet. Diese massive Zunahme an Einleitungsvorschriften führt  aber letztlich zu einer höheren Kaiserschnittrate. Wenn man zu früh und v.a. unnötig den noch nicht geburtsbereiten Körper der Schwangeren und das Kind in Richtung Geburt drängen will und sämtliche natürlich hormonellen Zustände noch nicht bereit sind, endet das oft in Komplikationen, die wiederum einen Kaiserschnitt erforderlich machen. Abgesehen davon sind solche provozierten Geburten oft sehr langwierig und kosten sehr viel physische und psychische Kraft.

Sind Sie freiberuflich tätig, in einem Krankenhaus und/oder Geburtshaus? Und warum?

Ich arbeite freiberuflich als Beleghebamme in einem Krankenhaus, d.h. ich betreue Frauen, die vorher bei mir angemeldet haben, die mich kennen und ich sie. Das ist, finde ich sehr wichtig, da ich das beiderseitige Vertrauensverhältnis für grundlegend wichtig für eine optimale Geburtsbetreuung halte. Je besser ich die Frauen mit ihren Ängsten/ Erwartungen kenne, um so besser kann ich in der Situation damit umgehen und sie verstehen und dementsprechend handeln. Je besser die Frau mich kennt, desto entspannter und unverkrampfter kann sie die Geburt erleben bzw. auch Kontrolle abgeben.

Ist es heutzutage „schwerer“, Hebamme zu sein?

Schwerer ist es nicht. Die Rahmenbedingungen sind nerviger. Das fängt bei der Abrechnung an und hört bei der Haftpflicht auf. Ich glaube, man fragt sich häufiger, wann man bei diesem ganzen „Beiwerk" (Dokumentation, Aufklärung, Standardisierungen, Fortbildungspflicht etc.) noch zur eigentlichen Hebammenarbeit kommt und kommt schneller zu der Frage, ob sich das Ganze eigentlich noch „lohnt“, d.h. ob es noch in einem gesunden Verhältnis steht. Das kann ich mittlerweile manchmal nicht mehr eindeutig beantworten, muss ich ehrlich zugeben.

Wie werden neue Vorschriften, gestiegene Kosten und sinkende Einnahmen Ihrer Meinung nach den Beruf der Hebamme verändern?

Das klingt jetzt wahrscheinlich etwas pessimistisch und frustran, aber ich glaube, dass immer mehr freiberufliche Hebammen diesen Beruf, wegen genau diesen Vorschriften und der finanziellen Unattraktivität, nicht mehr langfristig ausüben werden und es so zu einer massiven Unterversorgung, besonders in der Geburtsbetreuung und Nachsorge kommen wird. Die angestellten Hebammen werden zunehmend durch Standardisierungen bis ins Detail zu „medizinischem Hilfspersonal“ degradiert. Somit wird Erfahrungswissen und Hebammenkunst ein Opfer der derzeitigen kapitalistischen Gesundheitspolitik. Irgendwann wird die gesetzliche Hinzuziehungspflicht gekippt und und Hebammenbetreuung wird ein Luxusgut der Zweiklassengesellschaft. Vielleicht sehe ich das zu schwarz, aber erste Anzeichen dafür sind beispielsweise in den drastisch gesunkenen Bewerbungszahlen an Hebammenschulen zu erkennen.

Möchten Sie noch etwas loswerden?

Ich kann den Satz: „Es ist noch kein Kind ist dringeblieben“ nicht mehr hören. Für mich bedeutet dieser oberflächliche Satz eigentlich: Ich kann nicht nachempfinden, wie es dir geht und will es eigentlich auch gar nicht. Mit diesem „möchtegern“ motivierenden Ausspruch machen es sich viele Menschen zu einfach und lassen die Frauen mit einem hohen Erwartungsdruck im Regen stehen. So einfach ist es nicht, schon gar nicht vor der Geburt! Also lasst ihn einfach weg!

Vielen Dank für das aufschlussreiche und sehr interessante Interview!

Das Interview führte Miriam Funk.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 11. November 2016

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