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Lebensgefährliche Komplikation

Fruchtwasserembolie: Seltener Notfall bei der Geburt

Eine Fruchtwasserembolie ist eine unvorhersehbare Komplikation, die sehr selten vorkommt, aber zu den Hauptursachen für das Versterben von Müttern unter der Geburt gehört. Entscheidend für das Überleben ist eine sofortige Behandlung.

Fruchtwasserembolie: Seltener Notfall bei der Geburt
Lebensgefahr im Kreißsaal: eine Fruchtwasserembolie ist ein Notfall bei der Geburt
© iStock.com/Wavebreakmedia

Die Fruchtwasserembolie (Englisch: amniotic fluid embolism) gehört zu den lebensbedrohlichen Notfällen, die meist unter der Geburt im engen zeitlichen Zusammenhang mit den Wehen oder seltener noch bis einige Stunden nach der Geburt auftreten kann.

Artikelinhalte im Überblick:

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Was ist eine Fruchtwasserembolie (FWE)?

Bei einer Fruchtwasserembolie dringen Fruchtwasser und dessen Bestandteile in den Blutkreislauf der Mutter ein – und das löst lebensbedrohliche Reaktionen aus. Dazu gehören ein Sauerstoffmangel (Hypoxie) sowie ein stark abfallender Blutdruck (Hypotension). Im schlimmsten Fall entstehen lebensgefährliche Folgen wie Herzversagen. Außerdem kommt es als Komplikation im weiteren Verlauf häufig zu einem gestörten Ablauf der Blutgerinnung (Gerinnungsstörung), wodurch sehr starke Blutungen entstehen.

Wie hoch ist das Risiko einer Fruchtwasserembolie und wer ist gefährdet?

Bei einer Fruchtwasserembolie handelt es sich um eine sehr seltene Komplikation. Die Angaben zur Häufigkeit schwanken stark, da eine Fruchtwasserembolie oft nicht eindeutig diagnostiziert werden kann. Die Häufigkeit wird mit 1:80.000 bis 1: 200.000 angegeben.

Die gefährliche Komplikation kann entstehen, wenn mütterliche Blutgefäße bei der Geburt verletzt werden und Fruchtwasser auf dadurch in den Blutkreislauf der Mutter eindringt. Dies ist sowohl bei einer vaginalen Entbindung als auch bei einem Kaiserschnitt oder in seltenen Fällen durch einen chirurgisch vorgenommenen Schwangerschaftsabbruch möglich. Bestimmte Faktoren könnten möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für Verletzungen der Blutgefäße und damit für die Entstehung einer Fruchtwasserembolie verbunden sein. Dennoch wichtig zu wissen: Das Phänomen tritt auch bei Frauen mit diesen Faktoren nur sehr selten auf.

Mögliche Risikofaktoren auf einen Blick:

  • vorzeitige Ablösung der Plazenta
  • Plazenta Praevia (Fehllage des Mutterkuchens)
  • Ausschabung nach der Geburt (instrumentelle Kürettage)
  • Kaiserschnitt
  • mütterliches Alter von über 35 Jahren
  • Mehrlingsschwangerschaften
  • Geburtsverletzungen wie Gebärmutterriss (Uterusruptur) oder hoher Riss im Gebärmutterhals (Zervixriss)
  • Bauchtrauma durch Verletzungen des Bauchs durch Gewalteinwirkung
  • Geburtseinleitung (zum Beispiel durch eine Überdosierung der Wehenmittel)
  • extrem starke und zu häufige Wehen

Ursachen: Wie entsteht eine Fruchtwasserembolie?

Wieso genau es durch das Eindringen des Fruchtwassers in die mütterliche Blutbahn zu den schwerwiegenden Folgen einer Fruchtwasserembolie kommt, scheint bis heute nicht eindeutig geklärt. Lange ging man davon aus, dass das Eindringen des Fruchtwassers und dessen Bestandteile zu einem mechanischen Verschluss der Lungenstrombahn führt. Heute werden andere Ursachen diskutiert. So lautet eine von mehreren Hypothesen, dass im Körper eine Entzündungsreaktion entsteht und es zu einer Veränderung der Endothelzellen kommt, die die Blutgefäße von innen auskleiden. Ausgelöst würde dies durch körpereigene Substanzen, die im Fruchtwasser enthalten sind – zum Beispiel das Gewebshormon Bradykinin, der Botenstoff Histamin oder gerinnungsfördernde Substanzen. Ähnlich wie bei einem anaphylaktischen Schock käme es so zu einer Art Unverträglichkeitsreaktion.

Ebenso unklar wie die Ursache für die Fruchtwasserembolie ist, warum beim Übertritt von Fruchtwasser in den Blutkreislauf der Mutter nicht bei allen Frauen Symptome auftreten. Es wird zum Beispiel über eine bestimmte allergische Anfälligkeit spekuliert. Zum heutigen Stand der Wissenschaft ist dies jedoch unklar.

Symptome: Wie zeigt sich eine Fruchtwasserembolie?

Die Symptome einer Fruchtwasserembolie gestalten sich vielfältig. Anfangs können sich Anzeichen bemerkbar machen, die für Hebammen und Ärzte Alarmsignale darstellen. Dazu gehören unter anderem Vorzeichen wie Unruhe und Angst, Schüttelfrost, Kältegefühl, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen oder Husten. Ebenso ist es jedoch möglich, dass schwere Krankheitssymptome wie ein plötzlicher Herzstillstand aus völliger Gesundheit heraus auftreten. Es kann zu Atemstörungen (akut einsetzende Atemnot), Verfärbungen der Haut durch Sauerstoffmangel (Zyanose), zu einem akuten Blutdruckabfall oder einem Sauerstoffmangel beim Ungeborenen, der sich im CTG durch eine nicht erklärbare Verschlechterung der Herzfrequenz zeigt, kommen. Auch Schmerzen im Brustbereich, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Krämpfe, Einflussstauungen (gestörter Blutfluss, zum Beispiel sichtbar durch eine Erweiterung der Venen oder Ödeme) sind möglich.

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Diagnose: Wie wird eine Fruchtwasserembolie festgestellt?

Bis heute gibt es keine Routinediagnostik, durch die eine Fruchtwasserembolie eindeutig und vor allem rasch festgestellt werden kann. Die Diagnose der Fruchtwasserembolie gestaltet sich daher schwierig. Ärzte und Hebammen müssen sich auf die klinischen Symptome stützen und entsprechend handeln.

Für die Diagnose der Fruchtwasserembolie gilt die Entwicklung einer Gruppe aus folgenden drei Symptomen unter der Geburt oder kurz danach als klassisch:

  • plötzlicher Sauerstoffmangel (Hypoxie)
  • Blutdruckabfall (Hypotonie)
  • Blutgerinnungsstörung (Koagulopathie)

Andere Erkrankungen wie zum Beispiel eine Lungenembolie oder einen Herzinfarkt müssen die Experten in einer Differenzialdiagnostik ausschließen. Angewandte Verfahren wie EKG oder Blutuntersuchungen dienen nicht der Diagnosesicherung, sondern kommen zum Einsatz, um die Therapie zu überwachen und zu optimieren.

Nach dem plötzlichen Tod einer Mutter kann die Fruchtwasserembolie bei einer Obduktion nachgewiesen werden. Bei der Diagnose wird Fruchtwasser in den Kapillaren, also den feinsten Gefäßen der Lunge, gefunden. Dennoch ist auch dies nicht eindeutig, da es Fälle gibt, in denen sich Fruchtwasserbestandteile im mütterlichen Kreislauf befanden, obwohl es zu keiner Fruchtwasserembolie kam.

Verlauf der Fruchtwasserembolie – viele überleben die ersten Stunden nicht

Das Tückische: Eine Fruchtwasserembolie tritt plötzlich und unvorhersehbar auf. Sie lässt sich aus diesem Grund nicht präventiv vermeiden und ist auch nicht ausschließlich mit komplizierten Geburtsverläufen verbunden.

In der ersten Phase der Fruchtwasserembolie kann plötzlich Lungenhochdruck (pulmonale Hypertonie) eintreten und unbehandelt die Funktion der rechten Herzhälfte ausfallen (Rechtsherzversagen). In der zweiten Phase kann es zu einem Linksherzversagen und zu einer sogenannten disseminierten intravasalen Koagulopathie (DIC) kommen. Bei einer DIC handelt es sich um eine massive Blutgerinnungsstörung, die sich durch schwere Blutungen äußert. Im schlimmsten Fall führt die Fruchtwasserembolie schon nach wenigen Minuten zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Auch Koma, ein akutes Lungenversagen oder ein Multiorganversagen sind im weiteren Verlauf möglich. Etwa 50 Prozent der Mütter versterben innerhalb der ersten zwei Stunden – diesbezüglich schwanken die Angaben in der Fachliteratur.

Therapie: Wie wird eine Fruchtwasserembolie behandelt?

Auch wenn sie selten vorkommt, stellt die Fruchtwasserembolie immer einen lebensbedrohlichen Notfall dar, der sofortigen Handlungsbedarf erfordert. Je nachdem, welche Symptome vorliegen, können folgende Therapien zum Einsatz kommen:

  • künstliche Beatmung (durch Intubation)
  • Sauerstoffgabe
  • Volumengabe (Gabe von Lösungen, um verloren gegangene Körperflüssigkeiten auszugleichen und den Kreislauf zu stabilisieren)
  • Gabe von Blut oder Blutbestandteilen (zum Beispiel Frischplasma zur Gerinnungsstabilisierung)
  • Blutstillung bei Uterusatonie (starke Blutungen nach der Geburt aufgrund einer Kontraktionsschwäche der Gebärmutter, bei der sich die Gebärmuttermuskulatur nach der Geburt ungenügend zusammenzieht) durch die Gabe von Uterotonika wie Oxytocin
  • mögliche Gabe von Tranexamsäure, um bei starken Blutungen die Gerinnung zu fördern (bei einer DIC mit Hyperfibrinolyse)
  • Medikamente zur Erweiterung der Lungenstrombahn und zur Verhinderung eines Rechtsherzversagens

Folgen einer Fruchtwasserembolie: schnelle Rettung erhöht Überlebenschance

Folgen für das Kind: Da bei einer Fruchtwasserembolie auch das Ungeborene nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden kann, muss eine Entbindung unverzüglich angestrebt werden – zum Beispiel durch den Einsatz einer Geburtszange oder per Notkaiserschnitt. Es ist möglich, dass das Ungeborene nicht überlebt, dauerhafte neurologische Defizite erleidet oder aber bei rechtzeitiger Rettung und möglicherweise nach einer anschließenden Behandlung beschwerdefrei überlebt.

Folgen für die Mutter: Die mütterliche Sterblichkeit liegt bei einer Fruchtwasserembolie bei etwa 80 Prozent und ist eine der häufigsten Ursachen für das Versterben von Müttern während der Geburt. Um das Leben der Mutter zu retten und schwerwiegende Folgen zu verhindern, ist eine sofortige intensivmedizinische Behandlung notwendig.

Je nachdem, wie die Fruchtwasserembolie verlaufen ist, leiden die betroffenen Frauen nach ihrer Lebensrettung möglicherweise unter verschiedenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Gebärmutter aufgrund der starken Blutungen entfernt werden muss und ein weiterer Kinderwunsch nicht möglich ist.

Welche Nachbehandlungen infrage kommen, hängt generell von den jeweiligen Symptomen ab. Möglicherweise ist eine Reha in Anschluss an den Klinikaufenthalt erforderlich, um zurück zum alltäglichen Leben zu finden. Das Überleben einer Fruchtwasserembolie stellt für viele Mütter außerdem ein traumatisches Ereignis dar, das verarbeitet werden muss. Psychologische Hilfe und der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe oder in Foren kann bei der Bewältigung des Erlebten helfen.

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