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Entwicklungspsychologie

Entwicklungsphasen des Kindes nach Sigmund Freud

Entwicklungsphasen des Kindes nach Sigmund Freud
In den Entwicklungsphasen des Kindes nach Freud entwickelt das Kind seine Persönlichkeit
iStock/Melpomenem

Sigmund Freud war ein Wiener Arzt, Neurologe und Psychologe. Er gilt als der Begründer der Psychoanalyse. Teilweise haben seine Entdeckungen noch heute Bestand in der Psychologie. Seine Modelle werden heute noch angewandt, wenn auch weiterentwickelt und modifiziert.

Vor allem die psychosexuellen Entwicklungsphasen nach Freud sind Teil der heutigen Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Freud ging davon aus, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen in den ersten Lebensjahren bis zum Erwachsenwerden bildet. Das Ziel dieser Reifeentwicklung ist laut Freud ein starkes Ich, also eine starke Persönlichkeit mit gesundem Selbstvertrauen.

Er unterteilte die Lebensjahre in Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die aufeinander aufbauen. Die Aufmerksamkeit und Lust des Kindes richtet sich nach Freud in den unterschiedlichen Phasen jeweils auf ein anderes Körperteil. Jede Phase ist zudem mit besonderen Herausforderungen an die Entwicklung verbunden. Störungen in einer Phase führen laut Freud zu lebenslangen Konflikten.

Orale Phase (1. Lebensjahr)

In der oralen Phase befinden sich Babys ab der Geburt bis etwa zum ersten Geburtstag. Sie erkunden ihre Umgebung mit dem Mund, weil sie die Erfahrung machen, dass über den Mund ihre Bedürfnisse befriedigt werden – etwa beim Stillen oder beim Nuckeln am Fläschchen. Alles, was man mit dem Mund machen kann, Saugen, Lutschen und Essen, verschafft Babys Lust und dient gleichzeitig der Spannungsreduktion. So kann es etwa am Daumen lutschen, weil es Hunger verspürt und die ersehnte Nahrungsquelle (Brust der Mutter oder Fläschchen) noch nicht da ist.

Da vor allem im ersten Lebensjahr ein Baby sehr abhängig von der Mutter als versorgende Bezugsperson ist, gilt die orale Phase nach Freud vor allem als Phase, in der das Urvertrauen gebildet wird. Ist die Mutter-Kind-Bindung gestört, fällt eine Bezugsperson weg oder wird das Baby vielleicht sogar nicht richtig versorgt, lernt das Baby kein Urvertrauen kennen. Nach Freud hat das in der späteren Entwicklung zufolge, dass das Kind wenig Selbstwertgefühl entwickelt und misstrauisch ist. Suchterkrankungen werden Störungen der oralen Phase zugeschrieben: Demnach können Süchte eine Ersatzbefriedigung darstellen, um in der oralen Phase erlebte Defizite auszugleichen.

Weitere Informationen zur oralen Phase finden Sie hier. 

Anale Phase (2. und 3. Lebensjahr)

Etwa im zweiten und dritten Lebensjahr lernen Kinder ihre Ausscheidungen zu kontrollieren. Das "Lustzentrum" verschiebt sich: Das Einhalten und Ausscheiden von Urin und Kot und die damit verbundene Kontrolle über den eigenen Körper wird als lustvoll empfunden. "Lustvoll" ist nicht im Sinne einer erwachsenen Sexualität gemeint, sondern als Teil der frühkindlichen Sexualität, welche zur ganz normalen Entwicklung der Persönlichkeit gehört. Gleichzeitig kommt das Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit Anforderungen der Umwelt an sich in Kontakt, es soll trocken werden und sich zunehmend an Regeln halten. In der analen Phase entdeckt das Kind aber auch das eigene Ich. Es lernt, sich von anderen Menschen abzugrenzen und "Nein" zu sagen, auf seine Umwelt zu reagieren. Wehrt sich ein Kind gegen die von außen an es herangetragenen Forderungen, etwa nicht ins Töpfchen, sondern in die Hose oder Windel zu machen, erlebt es das als lustvoll. Dieser "Machtkampf" wird auch als Trotzphase bezeichnet.

Störungen in der analen Phase können laut Freud später zum sogenannten analen Zwangscharakter führen: So werden Menschen bezeichnet, die besonders rigide auf Reinlichkeit und Ordnung wert legen, häufig auch geizig sind. Sie sind in ihrem Leben sehr auf die Erfüllung der Erwartungen von außen an sich bedacht und handeln oft autoritär.

Weitere Informationen zur analen Phase finden Sie hier. 

Phallische Phase (3. bis 6. Lebensjahr)

In der phallischen Phase entdeckt das Kind seine Geschlechtsorgane und empfindet die Beschäftigung damit als lustvoll – die kindliche Sexualität entwickelt sich weiter. Das Kind betrachtet sich erstmals richtig selbst, interessiert sich für seinen Körper sowie den anderer Kinder und zeigt seine Geschlechtsorgane. Es erkennt den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen.

Der sogenannte Ödipus-Komplex findet ebenfalls in der phallischen Phase statt: Laut Freud beginnen Jungen in dieser Phase, den Vater als Konkurrenten um die Gunst der Mutter anzusehen. Sie entwickeln unbewusst eine "Kastrationsangst", welche die Angst beschreibt, der Vater als Aggressor könne ihnen etwas (die Mutter) wegnehmen. Wohlwissend, dass sie gegen den starken Vater nicht ankommen, überwinden sie die Angst, indem sie sich mit dem Vater und der Männerrolle identifizieren. Jungen in diesem Alter beginnen dann, dem Vater besonders nachzueifern. Bei Mädchen verhält es sich laut Freud in der phallischen Phase ähnlich. Sie eifern der Mutter nach, weil sie gegen die Mutter im Buhlen um den Vater nicht ankommen. Zudem bemerken sie, dass sie keinen Penis haben, ihnen also laut Freud etwas "fehlt". Dieser sogenannte Penisneid führt ebenfalls dazu, dass sie die weibliche Geschlechterrolle annehmen.

Kommt es in der phallischen Phase zu Störungen, äußern sie sich nach Freud später in einer verklemmten Sexualität, weil man sich selbst nicht richtig annehmen/akzeptieren kann.

Weitere Informationen zur phallischen Phase finden Sie hier.

Latenzphase (7. bis 11. Lebensjahr)

In der Entwicklungstheorie nach Freud ist die Latenzphase eine eher unauffällige Zeit im Leben des Kindes. Die Themen der bisherigen Phasen wirken in der Latenzphase noch nach. Das Kind kommt zur Ruhe und die frühkindliche Sexualität schlummert wieder im Unterbewusstsein. Dagegen treten eher soziale Themen in den Mittelpunkt: Der Eintritt in die Schule und das damit verbundene Loslösen von der Familie und der Aufbau konstruktiver sozialer Beziehungen sind für das Kind wichtige Bausteine seiner Entwicklung.

Weitere Informationen zur Latenzphase finden Sie hier.

Genitale Phase (12. bis 18. Lebensjahr)

Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt in der psychosozialen Entwicklung nach Freud die genitale Phase. Mädchen und Jungen entdecken ihre Sexualität und möchten diese auch ausleben, sie nähern sich dem anderen oder dem eigenen Geschlecht. In der genitalen Phase geht es aber auch um das Finden der eigenen Geschlechterrolle als Frau oder Mann. Jugendliche sehen die Rolle ihres Vaters oder ihrer Mutter und entscheiden dann, ob sie dieses Rollenbild annehmen, für sich etwas daran ändern oder ganz anders werden wollen. In der Pubertät geht es nämlich auch darum, sich von den Eltern und den Anforderungen der Gesellschaft abzugrenzen, zu rebellieren und sich gegen Autoritäten durchzusetzen. Laut Freud können nur diejenigen Jugendlichen, die dies durchgemacht haben, zu selbstständigen, selbstbewussten und eigenverantwortlich handelnden Erwachsenen werden. Auch die Zuversicht und ein ausgeprägtes Stärke-Gefühl in der Pubertät gehören dazu. Jugendliche haben das Gefühl, dass sie alles verändern, "die Welt aus den Angeln heben" können. So machen sie eigene Erfahrungen, an denen sie wachsen.

Treten in der genitalen Phase Störungen auf, kann das laut Freud dazu führen, dass der Mensch nie richtig erwachsen wird und Verantwortung für sich und andere übernehmen kann. Die Gestaltung des eigenen Lebens fällt ihm dann schwer.

Weitere Informationen zur genitalen Phase finden Sie hier.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 08. März 2017
Quellen: Meyers, D. G.: Psychologie, Springer Medizin Verlag, Berlin 2014; Rothgang, G.-W.: Entwicklungspsychologie. Kohlhammer, Stuttgart 2009

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