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Geschwisterbeziehungen

Geschwisterliebe: So lässt sich die Bindung stärken

Kaum eine Beziehung ist so intensiv wie die Verbindung zwischen Geschwistern. Doch nicht immer verstehen sich Brüder und Schwestern auf Anhieb. Wir haben mit einer Expertin über typische Konflikte und praktische Lösungen für den Alltag gesprochen.

Geschwisterliebe: So lässt sich die Bindung stärken
Geschwisterliebe: Eltern können die Grundsteine für eine gute Beziehung legen.
© GettyImages/Vera Livchak

Gerade noch haben Bruder und Schwester so schön miteinander gespielt und plötzlich geht die Zankerei los, wem denn nun welches Spielzeug gehört. Für Eltern gehören solche Situationen oft zur Tagesordnung – und sie können einen zur Weißglut bringen. Aber die gute Nachricht vorneweg: Geschwister profitieren trotz Streitigkeiten auf vielen Ebenen voneinander. Die Beziehung, die sie zueinander hegen, ist die längste ihres Lebens. Ein guter Grund, als Eltern die Geschwisterliebe so gut wie möglich zu fördern.

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Welchen Einfluss haben Geschwister aufeinander?

Ob Sandwichkinder, Nesthäkchen oder Patchworkfamilien: Geschwisterkonstellationen gibt es viele. Und mindestens genauso viele Studien beschäftigen sich mit ihren Beziehungen und Verhaltensweisen – mit unterschiedlich ausfallenden Ergebnissen. Mal heißt es, die Nesthäkchen hätten es besonders schwer und mal sind es die Sandwichkinder, denen eine problematische Entwicklung vorausgesagt wird, weil sie nicht genügend Aufmerksamkeit von den Eltern bekämen.

Laut Forschungszentrum Demografischer Wandel der Frankfurt University of Applied Sciences hat die Geburtenreihenfolge keinen spürbaren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung. Auch Altersunterschied und Geschlecht spielen für die Geschwisterbeziehung eher eine untergeordnete Rolle, wie Prof. Dr. Renate Schepker, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), weiß. "Erst wenn ein sehr großer Altersunterschied besteht, wird dieser für die Geschwisterbeziehung bedeutsam", sagt Schepker. "Dann kann es passieren, dass man entwicklungsbedingt keine gemeinsamen Interessen teilen kann."

In der Regel profitieren Geschwister voneinander. Selbst zwei Kleinkinder, die im Sandkasten nur nebeneinander statt miteinander spielen, schauen sich schon jede Menge ab – mehr als von den älteren Erwachsenen. Schließlich lernen Kinder am besten durch Nachahmung.

"Geschwisterbeziehungen sind sehr wertvoll für die Entwicklung, weil sowohl gegenseitige Unterstützung als auch Konfliktlösung im geschützten Raum der Familie probiert werden können", so die Expertin. Innerhalb der Familie erfahren sie die unterschiedlichsten Dinge – zum Beispiel das Teilen, Rücksicht nehmen oder sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. "Sie lernen zudem, emotional mit negativen Gefühlen umzugehen, wie etwa Neid zu meistern oder Wut und Ärger zu regulieren", sagt die Fachärztin.

Geschwisterstreit: Sind Eltern Schiedsrichter oder Zuschauer?

Reibereien unter Geschwistern sind in der Regel völlig normal und sogar ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Erst wenn eines der Geschwister stets vollkommen überreagiert oder sich völlig zurückzieht, sind solche Konflikte ein Grund für eine fachliche Beratung. "Meist zeigt sich dieses Verhalten dann aber auch in Kindergarten oder Schule", erklärt Schepker.

Für Eltern können jedoch selbst normale Kabbeleien unter Geschwistern auf Dauer zur Belastungsprobe werden. Vor allem stehen sie regelmäßig vor der Entscheidung: Einschreiten oder die Kinder ihren Streit untereinander austragen lassen? "Eingreifen sollten Erwachsene so viel wie nötig und so wenig wie möglich", rät Schepker. "Zunächst sollten Eltern viel auf die Selbstregulationsfähigkeiten der Geschwister vertrauen, sofern sich die Auseinandersetzung in einem angemessenen Rahmen abspielt. Dazu gehören durchaus auch Rangeleien oder Beleidigungen, aber keine Gefährdung des anderen."

Eskaliert die Situation, sollten Eltern darauf achten, dass sie nicht sofort Partei für ein Geschwisterkind ergreifen. Der Tipp der Expertin für solche Fälle lautet: "Es ist wichtig, alle Kinder anzuhören und mit ihnen zu üben, wie man den Konflikt hätte besser regeln können."

Eifersucht unter Kindern: Von wegen Geschwisterliebe?

Ebenso wie sich Streitigkeiten unter Geschwistern nicht generell vermeiden lassen, spielt auch die Eifersucht unter ihnen natürlicherweise eine Rolle – und ist oft sogar Auslöser der Konflikte. Vor allem, wenn sich die Geburt eines Geschwisterkindes ankündigt, sind Eltern oft besorgt, wie das ältere Kind darauf reagiert. Für den Entwicklungsforscher und Sachbuchautor Remo H. Largo ist dabei insbesondere das Kindesalter ein entscheidender Faktor: Die Eifersucht des älteren Kindes ist demnach am größten, wenn dieses bei der Geburt des Geschwisterchens zwischen zweieinhalb und fünf Jahre alt ist.

Eifersuchtsreaktionen treten dann zum Beispiel auf, weil die Mutter häufig Körperkontakt mit dem Neugeborenen hat – es wird gestillt, herumgetragen und meist positiv angesprochen, während dem älteren Kind bereits Grenzen gesetzt werden. In der Regel richtet das Kind seine Reaktionen aber nicht gegen das Baby, sondern zeigt seinen Eltern, dass es mehr Zuwendung haben möchte. Oft fällt das Kind in alte Verhaltensweisen zurück, möchte plötzlich wieder einen Schnuller haben, bei den Eltern schlafen oder gewickelt werden. Eltern reagieren darauf am besten, indem sie dem Kind diese Zuwendung schenken, statt mit Härte auf die Vernunft zu pochen.

Lieblingskind: Lassen sich Geschwister wirklich gleichbehandeln?

Immer wieder heißt es, jedes Elternteil hätte insgeheim ein Lieblingskind – ohne es zuzugeben. Sogar zahlreiche wissenschaftliche Studien bestätigen die Theorie vom sogenannten "Favoritism", wie das Phänomen im englischen Sprachraum genannt wird, und den möglichen psychischen Auswirkungen auf alle beteiligten Kinder. Dass sich Mutter oder Vater mit einem Kind eher verbunden fühlt als mit dem anderen, kann durchaus vorkommen.

"Es gibt Kinder, die temperamentsmäßig einem Elternteil mehr gleichen als dem anderen und ihm daher näher sind – das kann aber je nach Situation auch genau das Schwierige sein", sagt Schepker. Dies bedeutet also nicht automatisch, dass dieses Kind bevorzugt behandelt wird.

"Glücklicherweise haben die meisten Kinder zwei aktive Eltern und Nähe und Distanz zu den beiden Elternteilen verändern sich im Verlauf der Entwicklung", beruhigt die Expertin. Von dem Gedanken, man könne Geschwister tatsächlich gleichbehandeln, müssen sich Eltern ohnehin lösen. "Man muss Kinder unausweichlich verschieden behandeln, sogar eineiige Zwillinge", sagt die Fachärztin. Der Grund: "Jedes Kind hat unterschiedliche Bedürfnisse und braucht zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge von den Eltern. Denn jedes Kind reagiert je nach seiner Wesensart, seinen Erfahrungen und Befindlichkeiten auch unterschiedlich."

Geschwisterliebe fördern: Wie sich die Geschwisterbeziehung stärken lässt

Die Entwicklung der Geschwisterbeziehung wird von verschiedenen Faktoren geprägt – die elterliche Erziehung ist nur einer davon. Ob die Kinder im Laufe ihres gesamten Lebens eine intensive Beziehung pflegen werden, haben Eltern also nicht in der Hand. Zumindest ist es aber durchaus möglich, dass Mutter und Vater eine solide Basis dafür legen. Folgende Tipps können dabei unterstützen, die Geschwisterliebe zu stärken.

Zwölf Alltagstipps für eine starke Geschwisterbindung:

  1. Vorbereitung auf das Geschwisterkind: Schon während der Schwangerschaft können Sie Ihr Kind mit der Ankunft des Geschwisterchens vertraut machen. So lässt sich sogar die Vorfreude steigern. Es gibt Kinderbücher, die Ihnen dabei helfen, das Thema kindgerecht zu vermitteln.

  2. Willkommensgeschenke für beide Kinder: Wenn Freunde und Familie ein Geschenk für das Neugeborene mitbringen, bitten Sie darum, dem älteren Geschwisterkind ebenfalls eine Kleinigkeit zu überreichen. Für diese Situation können Sie auch selbst ein kleines Geschenk bereithalten, das Ihre Freunde dann übergeben. Auf diese Weise wird das ältere Kind dazu beglückwünscht, nun Bruder oder Schwester zu sein und ist im besten Fall stolz statt eifersüchtig.

  3. Mit Mama oder Papa allein sein: Da das Neugeborene sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit von den Eltern beansprucht, sollten Sie Aktivitäten planen, die ausschließlich mit dem älteren Kind unternommen werden – zum Beispiel ein Besuch im Schwimmbad oder Zoo. Dabei wird dem älteren Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt.

  4. Einbindung in den Alltag: Lassen Sie das ältere Kind an der Pflege des Neugeborenen teilhaben. Es kann zum Beispiel den Schnuller holen, etwas zum Anziehen heraussuchen oder beim Baden dabei sein. Kinder möchten generell gerne helfen und finden an der Rolle des Bruders oder der Schwester daher oft recht schnell Gefallen.

  5. Gemeinsamkeiten schaffen: Zusammen die Welt erkunden, spielen und Ausflüge machen – all das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ermöglichen Sie Ihren Kindern, vieles zusammen als Team zu erleben. Auch familiäre Rituale stärken die Beziehung.

  6. Geteilter Erfahrungsschatz: Animieren Sie das ältere Kind ruhig dazu, dass es seine Erfahrungen – zum Beispiel aus Schule oder Sport – an das jüngere Kind weitergibt. Davon profitieren alle Geschwister.

  7. Gemeinsames Schlafzimmer: Im Gegensatz zur Annahme, Kinder könnten sich beim Schlafen im gleichen Zimmer stören, empfiehlt der Entwicklungsforscher Remo H. Largo, Kinder ab dem zweiten Lebensjahr im gleichen Zimmer schlafen zu lassen. Es heißt, dass sie sich dann sogar tagsüber besser vertragen. Werden die Kinder älter und wollen ihren eigenen Rückzugsraum haben, sollten Sie diesen Wunsch jedoch ebenfalls respektieren.

  8. Grenzen und Regeln festlegen: Beißen, schubsen, kratzen, hauen, hänseln, mobben: All diese Dinge sind nicht in Ordnung. Vereinbaren Sie mit Ihren Kindern, an welche Regeln Sie sich beim Streiten halten sollen. Das gibt Ihnen auch die Möglichkeit einzuschreiten, wenn eine vereinbarte Grenze übertreten wird. Erklären Sie Ihren Kindern, dass sie sich gegenseitig respektieren sollen und zeigen Sie Alternativen auf, wie sie mit negativen Gefühlen angemessen umgehen können.

  9. Lösungsvorschläge machen: Damit Ihre Kinder ein gutes Team werden, sollten Sie den Nachwuchs dazu animieren, selbst Lösungen für seinen Streit zu finden und Dinge untereinander zu klären, statt sich als Elternteil einzumischen. Vermitteln Sie lieber Lösungsvorschläge.

  10. Wiedergutmachung: Kinder sollten lernen, wie sie mit Konflikten am besten umgehen. Dazu gehört, sich nach einem Streit wieder zu vertragen. Üben Sie, sich beieinander zu entschuldigen, kleine Aufmerksamkeiten zu verteilen oder Hilfen anzubieten.

  11. Positive Eigenschaften hervorheben: Seien Sie stolz auf Ihre Kinder und zeigen Sie ihnen das voreinander. Loben Sie Ihren Nachwuchs! Auf Vergleiche zwischen den Kindern sollten Sie verzichten.

  12. Vorbild sein: Eigene Verhaltensweisen findet man bei seinen Kindern wieder: Auch wenn sie streiten, beleidigt oder sauer sind, bekommen Sie als Eltern häufig den Spiegel vorgehalten. Leben Sie Ihren Kindern daher im Zusammensein mit dem anderen Elternteil vor, wie Konflikte richtig gehandhabt werden.

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