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Dienstag, 26. September 2017
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Tokolyse - Wehenhemmung mit Medikamenten

Tokolyse - Wehenhemmung mit Medikamenten
Die Tokolyse dient dazu, bei vorzeitigen Wehen oder Blasensprung die Geburt noch etwas hinauszuzögern - Tokolyse-Medikamente haben aber auch Nebenwirkungen
iStock/nattanan726

Tokolyse bezeichnet die medikamentöse Behandlung von Schwangeren bei vorzeitiger Wehentätigkeit und einer Verkürzung oder Erweiterung des Muttermundes.

Die Tokolyse kann bei vorzeitiger Wehentätigkeit oder einem vorzeitigen Blasensprung angewendet werden. Ziel der Tokolyse ist es dabei, die Frühgeburt um mindestens 48 Stunden hinauszuzögern, um dem Baby im Mutterleib noch etwas Zeit zum Reifen zu geben. Außerdem kann die Schwangere in dieser Zeit gegebenenfalls in ein Krankenhaus mit speziellen Versorgungsmöglichkeiten für Frühgeborene (Perinatalzentrum) verlegt werden.

Wehenhemmung durch Tokolyse

Bei der Tokolyse kommen Medikamente mit wehenhemmenden Eigenschaften (Tokolytika) zum Einsatz. Sie wird bei vorzeitiger Wehentätigkeit oder vorzeitigem Blasensprung in der Regel zwischen der 24. und der 34. SSW durchgeführt. Manchmal kann die Tokolyse auch schon zwischen der 20. und 24. SSW sinnvoll sein.

Durch die Wehenhemmung per Tokolyse sollen die Komplikationen für das Frühgeborene etwas reduziert werden. Vor allem geht es darum, während dieser Zeit die Lungenreifung voranzutreiben. Zu diesem Zweck werden Glukokortikoide verabreicht. Sie beschleunigen die Lungenreifung und die Bildung von Lungenbläschen beim ungeborenen Baby. Je "reifer" die Lunge bei der Geburt ist, desto größer stehen die Chancen des Frühchens auf einen komplikationsarmen Start ins Leben.

Während der Tokolyse empfiehlt sich körperliche Schonung. Da die Behandlung ohnehin im Krankenhaus durchgeführt wird, ist Bettruhe sinnvoll.

Gegenanzeigen: Wann wird auf die Tokolyse verzichtet?

Vor der 24. SSW muss von Fall zu Fall entschieden werden, ob eine Tokolyse sinnvoll ist, um die Frühgeburt noch etwas aufzuschieben. Ab der 35. Schwangerschaftswoche ist die Lungenreifung des Babys bereits soweit fortgeschritten, dass keine Wehenhemmung mehr erforderlich ist.

Ist es durch eine aufsteigende Infektion aus dem Genitaltrakt zu einer Infektion von Fruchtblase, Eihäuten, Plazenta oder dem ungeborenen Baby selbst gekommen, besteht die Gefahr einer Blutvergiftung (Sepsis). Bei diesem als Amnioninfektionssyndrom (AIS) bezeichneten Zustand werden keine Tokolytika verabreicht, sondern in der Regel die Geburt eingeleitet oder ein Kaiserschnitt durchgeführt.

Welche Medikamente kommen bei der Tokolyse zum Einsatz?

Medikamente aus den Wirkstoffgruppen der Betamimenika und der Oxytocinantagonisten sind in Deutschland für die Tokolyse zugelassen. Es gibt allerdings noch weitere Medikamente, die in Deutschland erlaubt sind und von Ärzten mit Einverständnis der Patientin bei der Tokolyse eingesetzt werden dürfen. In der Regel geschieht das nach umfassender vorheriger Aufklärung und der Unterzeichnung einer schriftlichen Einverständniserklärung. Dieses Vorgehen entspricht der ärztlichen Therapiefreiheit und wird als "Off-label-Gebrauch" bezeichnet.

Aus der Gruppe der Betamimenika wird Fenoterol als Infusion verabreicht. Dabei hat Fenoterol unter den Tokolytika auch die höchste Nebenwirkungsquote:

Fenoterol darf nicht bei Herzrhythmusstörungen oder anderen Herzerkrankungen der Mutter angewendet werden, da es Herzrasen und Herzrythmusstörungen sowie Angina pectoris auslösen kann. Auch beim Kind kann es durch die Gabe von Fenoterol zu Herzrasen und Einschränkungen der Herzfrequenzvariabilität kommen.

Bei gleichzeitiger Gabe von Glukokortikoiden zur Lungenreifung des Kindes erhöht sich unter Fenoterol bei der Mutter zudem das Risiko für ein Lungenödem.

Schwangere mit Diabetes mellitus erhalten das Medikament nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung, da Fenoterol den Blutzuckerspiegel erhöhen kann (Hyperglykämie).

Vor allem in den ersten Stunden kommt es bei Müttern außerdem zu Muskelzittern, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen sowie vermehrtem Schwitzen. Auch bei herzgesunden Frauen kann Herzrasen auftreten.

Oxytocinantagonisten hemmen die Wirkung des wehenauslösenden Hormons Oxytocin. Der verwendete Wirkstoff Atisoban hat weniger Nebenwirkungen, kann seine Wirkung aber auch noch entfalten, wenn Oxytocin maßgeblich an den vorzeitigen Wehen beteiligt ist. Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen treten bei weniger als einem Prozent der mit Oxytocinantagonisten behandelten Schwangeren auf. Laut einer Studie zeigten betroffene Kinder bis zu ihrem zweiten Lebensjahr keine Nachwirkungen nach Gabe von Atisoban.

Kalziumantagonisten werden in Deutschland immer häufiger im Rahmen der Tokolyse eingesetzt, am häufigsten der Wirkstoff Nifidipin. Bei Nifidipin sind die Nebenwirkungen weitaus geringer als bei Fenoterol. Neben Übelkeit, Kopfschmerzen und Gesichtsrötung (Flush) kann auch Herzklopfen auftreten. Deshalb werden Schwangere mit Herzstörungen bei der Gabe von Kalziumantagonisten besonders gut überwacht. Die gleichzeitige Gabe von Magnesium im Rahmen der Tokolyse schließt eine Therapie mit Kalziumantagonisten aus, da bei beiden Wirkstoffen zusammen die muskelentspannende Wirkung zu stark werden kann.

Magnesium beziehungsweise Magnesiumsulfat kann zwar zur Wehenhemmung eingesetzt werden, in einer Studie konnte aber keine schwangerschaftsverlängernde Wirkung von Magnesium im Rahmen der Tokolyse nachgewiesen werden. Vielmehr geht die Gabe von hochkonzentriertem Magnesiumsulfat über einen Zeitraum von 24 Stunden mit einem 2,8-fach höheren Sterberisiko bei der Geburt einher. Es wird daher aktuell nicht zur Behandlung im Rahmen der Tokolyse empfohlen. Magnesiumsulfat darf nicht zusammen mit Kalziumantagonisten verabreicht werden.

NO-Donoren oder NO-Donatoren setzen Stickstoffmonoxid in der glatten Muskulatur frei, was muskelentspannend wirkt. Studien zeigen eine gute Wirksamkeit von NO-Donoren bei der Tokolyse. Auch scheint es nach aktuellem Forschungsstand keine Störungen beim Kind hervorzurufen. Gegen NO-Donoren spricht, dass eine Nebenwirkung starke Kopfschmerzen sind. Sie eignen sich daher nicht für Schwangere, die generell unter Kopfschmerzen oder leiden.

Prostaglandinsynthesehemmer hemmen Prostaglandine, die bei der Geburt zum einen für das Weichwerden des Muttermundes sorgen und zum anderen die Gebärmuttermuskulatur zu Kontraktionen anregen. Postaglandinsynthesehemmer gelten als wirksam und bei einer kurzen Anwendung (maximal 48 Stunden) als relativ nebenwirkungsarm. Nicht angewendet wird die Tokolyse mittels Prostaglandinsynthesehemern bei Schwangeren mit Asthma bronchiale, koronaren Herzerkrankungen und Blutungen im Verdauungstrakt (gastrointestinale Ulzera).

Als Nebenwirkung für das Kind wurde in einer Studie ein erhöhtes Risiko für die spätere Entwicklung einer nekrotisierenden Enterokolitis, einer entzündlichen Darmerkrankung, festgestellt. Außerdem können eher Hirnschädigungen (periventrikuläre Leukomalazien) auftreten, die besonders Frühchen betreffen und zu motorischen Entwicklungsstörungen führen.

Antibiotikum in der Tokolyse

Da Infektionen zu den Hauptgründen von vorzeitiger Wehentätigkeit und vorzeitigem Blasensprung gehören, gehören Antibiotika ebenfalls in vielen Fällen zur Behandlung der vorzeitigen Wehentätigkeit. Im Gegensatz zu den aufgeführten Tokolyse-Medikamenten setzt Antibiotikum an der Ursache der vorzeitigen Wehen an. In Studien konnte Antibiotika bei infektiöser Ursache eine 48-stündige bis siebentägige Verzögerung der Geburt bewirken.

Wie lange kann die Tokolyse durchgeführt werden?

Ziel der Tokolyse ist es, die Geburt mindestens 48 Stunden hinauszuzögern, um in dieser Zeit die Lungenreifung des ungeborenen Babys zu beschleunigen und die Mutter ggf. in ein gut ausgestattetes Krankenhaus (mit Perinatalzentrum) zu bringen. Je nach Medikament und Wirkweise kann die Tokolyse sogar einige Tage durchgeführt werden.

Hinweis: Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zur medikamentösen Wehenhemmung bei Frühgeburt (Tokolyse) werden zur Zeit (Stand: Februar 2016) überarbeitet. Gegen Ende des Jahres 2016 wird mit einer aktualisierten Leitlinie gerechnet.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 28. August 2017
Quellen: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Empfehlungen zum Vorgehen beim vorzeitigen Blasensprung, AWMF-Leitlinien-Nr. 015/029 (wird gerade überarbeitet); Schleußner, Ekkehard: Drohende Frühgeburt: Prävention, Diagnostik und Therapie. Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 110, Heft 13 vom 29. März 2013

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