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Sturzgeburt – wenn es das Baby besonders eilig hat

Sturzgeburt – wenn es das Baby besonders eilig hat
Innerhalb weniger Stunden auf der Welt: Bei einer Sturzgeburt oder überstürzten Geburt dauert alles nur wenige Stunden
iStock/Halfpoint

Von einer Sturzgeburt spricht man, wenn ein Baby sehr schnell – etwas überstürzt – auf die Welt kommt. In den Medien wird über solche Geburten häufig berichtet, wenn ein Kind im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus oder in anderen nicht medizinisch betreuten Situationen geboren wird.

Die Sturzgeburt oder überstürzte Geburt kommt insgesamt sehr selten vor. Betroffen sind eher Frauen, die bereits Kinder bekommen haben. Bei Erstgebärenden können vor allem kaum wahrnehmbare oder falsch gedeutete Anfangswehen zu einer raschen Geburt führen. Dann befinden sie sich "plötzlich" in der Austreibungsphase, in der schon Presswehen auftreten und das Kind kommt.

Was unterscheidet die echte Sturzgeburt von der überstürzten Geburt?

Der Begriff Sturzgeburt wird umgangssprachlich für eine überstürzte, also eine sehr rasch voranschreitende, Geburt verwandt. In der Geburtshilfe bedeutet eine überstürzte Geburt gemäß Definition, dass die Geburt sehr rasch verläuft. Ihre Dauer beträgt dann nur maximal drei Stunden. Zum Vergleich: Die erste Geburt einer Frau dauert im Durchschnitt zehn bis zwölf Stunden, bei einer Mehrgebärenden (also eine Frau, die schon mindestens ein Kind geboren hat) durchschnittlich sechs bis acht Stunden.

Ursprünglich bedeutet die "echte Sturzgeburt" aber, dass ein Kind bei der Geburt herausstürzt und nicht gehalten werden kann. Das wäre der Fall, wenn die Frau bei der Geburt stehen oder gar auf der Toilette sitzen würde. Die echte Sturzgeburt kommt überaus selten vor.

Wir verwenden hier den Begriff Sturzgeburt für überstürzte Geburten, die im Krankenhaus oder auch zu Hause ohne medizinische Unterstützung stattfinden.

Wie wahrscheinlich ist eigentlich eine Sturzgeburt?

Die allermeisten Geburten verlaufen im normalen Tempo. Eine sehr rasch verlaufende Geburt mit einer Dauer von unter drei Stunden tritt sehr selten auf: Nur etwa ein Prozent aller Geburten sind Sturzgeburten. Je mehr Kinder eine Frau bereits bekommen hat, desto höher ist das Risiko einer Sturzgeburt. Mit jeder Geburt steigt die Wahrscheinlichkeit einer sehr raschen Geburt bei der nächsten Entbindung. Bei Erstgebärenden kommen Sturzgeburten sehr selten vor.

Was sind die Ursachen einer Sturzgeburt?

Sturzgeburten treten häufiger bei Frauen auf, die schon Kinder geboren haben. Man vermutet, dass die Ursache dafür darin liegt, dass bei ihnen der Geburtskanal weicher ist und sich bei der Geburt wesentlich schneller dehnt als bei einer Erstgebärenden. Auch die Wehentätigkeit ist bei Mehrgebärenden häufig wesentlich stärker.

Nur sehr selten durchleben Erstgebärende eine so schnelle Geburt. Eine häufige Ursache für eine überstürzte Geburt bei Erstgebärenden liegt darin, dass die Anfangswehen so schwach sind, dass sie gar nicht wahrgenommen werden.

Eine echte Sturzgeburt kommt vor allem dann vor, wenn die Schwangerschaft nicht bemerkt oder verheimlicht wurde und/oder der Pressdrang während der Wehen falsch interpretiert wurde, etwa als Darmdrang.

Welche Risiken hat die Sturzgeburt für Mutter und Kind?

Bei einer sehr schnellen Geburt kann es bei der Mutter zu Geburtsverletzungen kommen. Am häufigsten tritt der Dammriss auf, da in der Schnelle der Abläufe keine Zeit ist, den Damm bei der Geburt zu schützen. Auch Verletzungen an Gebärmutterhals, Scheide oder den Schamlippen können vorkommen.

Bei Sturzgeburten kommt es häufiger als sonst zu gefährlichen Nachblutungen: Nach dem Ausstoßen der Nachgeburt, der Geburt des Mutterkuchens (Plazenta), zieht sich die Gebärmutter normalerweise zusammen und verschließt so die Blutgefäße in der zurückbleibenden Wunde. Geschieht das nicht oder nur unzureichend, kommt es zu starken Blutungen (atonischen Nachblutungen), die unbehandelt lebensbedrohlich für die Mutter werden können.

Durch den raschen Durchtritt des Kopfes durch das Becken ist eine vorübergehende mangelnde Sauerstoffversorgung (Hypoxie) beim Kind möglich. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich die Nabelschnur um den Kopf des Kindes wickelt. Es kann außerdem zu Blutungen in der Schädelhöhle kommen. Nach der Geburt wird das Baby daher zunächst intensivmedizinisch überwacht.

Auch die postnatale Adaptation ist bei Babys nach Sturzgeburten gelegentlich verzögert. Postnatale Adaption bezeichnet die Anpassung des kindlichen Organismus an seine neue Umgebung außerhalb des Körpers der Mutter. Dazu gehören etwa die ersten Atemzüge oder die kurzzeitige Minderung des kindlichen Blutvolumens durch das Durchtrennen der Nabelschnur. Dadurch kommen im Organismus des Kindes eine Reihe von Reaktionen zustande, die seinen Kreislauf anregen.

Wenn die Gebärende es nicht schafft, sich rechtzeitig hinzulegen oder hinzusetzen, kann es bei einer Sturzgeburt zu Verletzungen kommen, wenn das Kind nach der Geburt auf den Boden fällt. Zudem kann die Nabelschnur reißen. Solche echten Sturzgeburten finden aber extrem selten statt.

Das Kind will nicht warten – was soll ich tun?

Wenn es nicht möglich ist, für die Geburt rechtzeitig medizinische Hilfe zu holen (etwa, weil die Presswehen schon eingesetzt haben), sollten Sie zu Hause bleiben und den Notarzt und die Hebamme rufen. Wenn Ihr Partner anwesend ist, kann er Ihnen helfen. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass er oder sie sich vor der Geburtsunterstützung gründlich die Hände mit Wasser und Seife wäscht. Ansonsten gilt: Wenden Sie die eventuell bereits im Geburtsvorbereitungskurs erlernten Strategien wie Atemübungen an und bleiben Sie ruhig.

Folgendes Vorgehen wird empfohlen, wenn eine Sturzgeburt zu erwarten ist:

  • Wählen Sie einen Platz für die Geburt. Gut eignen sich der Fußboden oder auch das Bett.
  • Den Geburtsplatz gut abdecken (zum Beispiel mit großen Mülltüten) und anschließend mit sauberen Handtüchern oder Betttüchern polstern.
  • Legen Sie sich auf den Rücken oder gehen in die Hocke. Wenn Sie Hilfe haben, kann auch eine Geburtsposition auf allen Vieren hilfreich sein. In jedem Fall sollte sich Ihr Partner dann darauf vorbereiten, Ihr Baby "aufzufangen", wenn es geboren ist.
  • Erst, wenn der Kopf Ihres Kindes zwischen den Schamlippen ertastbar ist, beginnen Sie mit dem Pressen.
  • Wenn möglich, legen Sie oder Ihr Partner behutsam eine Hand auf den Hinterkopf Ihres Kindes und regulieren sanft die Durchschrittsgeschwindigkeit. Mit der anderen Hand nun den Damm leicht raffen, um ihn vor Verletzungen zu schützen.
  • Ist der Kopf Ihres Kindes da, schieben Sie erst wieder bei der nächsten Wehe das Baby heraus. Ihr Kind hat zwischenzeitlich den Kopf und die noch nicht sichtbaren Schultern gedreht.
  • Bitte ziehen Sie oder Ihr Partner auf keinen Fall am Kopf des Kindes.
  • Legen Sie ihr Baby nach der Geburt auf Ihre Brust und achten Sie darauf, dass der Kopf etwas niedriger liegt, sodass sich die Atemwege besser von Schleim und Fruchtwasser befreien können.
  • Atmet Ihr Kind nicht, bringen sie seinen Kreislauf auf Trab, indem Sie sanft seinen Rücken reiben. Schreit es, ist alles in Ordnung.
  • Damit Ihr Baby nicht auskühlt, decken Sie es zu.
  • Wenn es schon die Brust sucht, lassen Sie Ihr Baby an der Brust andocken und stillen Sie es.
  • Die Nabelschnur nicht selbst durchtrennen, sondern warten, bis Hilfe eingetroffen ist.
  • Kommt nach einem erneuten Pressdrang bereits die Nachgeburt heraus, lassen Sie diese einfach liegen. Bei der Nachgeburt handelt es sich um die Plazenta, die noch per Nabelschnur mit Ihrem Kind verbunden ist.
  • Warten Sie, bis Hilfe eingetroffen ist.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 10. Februar 2017
Quellen: Mändle, C., Opitz-Kreuter, S.: Das Hebammenbuch. Schattauer, Stuttgart 2015; Szász, N. Höfer, S.: Hebammen Gesundheitswissen. Gräfe und Unzer, München 2012; Weyerstahl, T., Stauber, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Geburtshilfe. Thieme, Stuttgart 2013

Beiträge im Forum "Geburtstermin September/Oktober 2017"
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