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Montag, 20. August 2018
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Abnehmen nach Schwangerschaft: Interview mit einer Hebamme

Warum Abnehmen nach der Schwangerschaft gefährlich für Mutter und Kind sein kann und warum frisch gebackene Mütter sich in Sachen Figur nicht verrückt machen sollten? Was statt After-Baby-Body beim Leben mit Neugeborenen wirklich zählt? Wir haben für Sie bei der erfahrenen Hebamme Maria Kremer nachgefragt.

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Abnehmen nach Schwangerschaft: Beim Stillen verbraucht der Körper mehr Kalorien
oksun70/iStock

Überall sehen wir Bilder von prominenten Müttern, die für ihren perfekten After-Baby-Body gelobt werden. Nach der Geburt in Rekordzeit zurück zur alten Figur – wie machen die Stars das eigentlich?

Wie die „Stars“ das machen kann ich natürlich nicht sagen. Fakt ist, dass diese Aufnahmen nicht der Realität entsprechen und das „Aussehen“ auch kein Ziel sein kann und sollte. Grundsätzlich gibt es aber Frauen, die genetisch zu gutem Bindegewebe neigen und an denen Schwangerschaft und Geburt körperlich nahezu folgenlos vorbeigehen. Die Regel ist das aber nicht. Letztlich muss man, wie bei vielen Dingen im Leben, mit dem vorliebnehmen, was man hat. Und das ist nicht immer das Ideal.

Rückbildung - Tipps für den Alltag

Jetzt mal ganz ohne Personal Trainer, Ernährungsberater und Vollzeit-Nanny – wie lange dauert es, bis eine Frau nach der Geburt ihre alte Figur zurück hat?

Es gibt eine einfache „Bauernregel“: Neun Monate besteht eine Schwangerschaft und neun Monate braucht der Körper auch, um sich wieder vollständig zu regenerieren. Sicherlich spielt eine gesunde und ausgewogene Ernährung im Wochenbett und in der Stillzeit eine große Rolle, um die alte Figur wieder zu erreichen, aber mit etwas Geduld und Selbstdisziplin geht das eigentlich in dieser Zeit von selbst. Gerade beim Stillen verbraucht der Körper mehr Kalorien (1 Liter Muttermilch = 600 kcal).

Die Bilder der „sexy"-Stars suggerieren, dass jede Frau nach der Geburt mit ein bisschen mehr Sport und der passenden Diät so aussehen kann und wer das nicht tut, ist einfach nur zu faul dafür – stimmt das?

Natürlich stimmt das nicht! Wer es für sehr wichtig hält, kurz nach der Geburt wieder seine alte Figur zu haben, hat entweder ein größeres psychisches Problem, einen schlechten PR-Vertrag oder etwas ganz Entscheidendes im Leben nicht verstanden. Eine Diät im Wochenbett kann gesundheitsschädlich für Mutter und Kind sein.

Nach der Geburt von Baby George zeigte sich Herzogin Kate Middleton mit einem deutlich sichtbaren Bauch – eine Seltenheit in der Presse, aber Normalität im wahren Leben. Warum sehen Frauen nach der Geburt noch so aus als seien sie schwanger?

Die Bauchmuskulatur ist nach der Schwangerschaft natürlich noch gedehnt, so dass diese auch noch nicht die Stützfunktion hat, die sie in oder vor der Schwangerschaft hatte. So wirkt es, gerade im Stehen, als wäre der „schwangere Bauch“ noch vorhanden.

Mit  welchen Sorgen kommen die Frauen in Bezug auf ihren Körper nach der Geburt zu Ihnen?

Diesbezüglich ist die häufigste Frage: Wann passe ich wieder in meine Hosen und werde ich je wieder so aussehen, wie vor der Schwangerschaft? Wobei ich auch sagen muss, dass diese Fragen selten so ernst und besorgt gestellt werden, wie sie klingen. Die meisten Frauen haben ihre Prioritäten im Leben schon neu geordnet und da kommt die Figurfrage sicherlich nicht mehr an erster Stelle und das ist auch gut so!

Eine Studie des „UCL Institute of Child Health“ in London fand heraus, dass von mehr als 700 schwangeren Untersuchungsteilnehmerinnen 25 Prozent besorgt über Gewicht und Figur waren, eine von 14 Schwangeren sogar an einer Essstörung litt – eine bedenkliche Entwicklung? Kennen auch Sie solche Extreme?

Ja, solche Essstörungen treten immer häufiger auf. In extremer Form kann das gefährlich für die Mutter und das Kind sein, wenn solche Frauen überhaupt schwanger werden können. Das gilt für Essstörungen aufgrund von Mangel als auch für Überernährung. Grundsätzlich bedeutet das in der Hebammenbetreuung aber, dass eventuell ein akutes oder chronisches psychisches Grundproblem vorliegt und die Betreuung dementsprechend intensiv sein muss.

Einige Frauen hungern schon während der Schwangerschaft. Warum ist das gefährlich für Mutter und Kind?

Gefährlich ist es deshalb, weil sich durch Diäten und Hungerkuren kurz und langfristig der Säure-Base-Haushalt ändert und sich das für das Ungeborene in der körperlichen und geistigen Entwicklung schädigend auswirken kann. Langfristig führt eine Unterversorgung der Mutter zu körperlichen Schädigungen des Ungeborenen bis hin zum Tod.

Wie viel Sport ist nach der Geburt erlaubt und wann darf man damit beginnen?

Sechs bis acht Wochen nach der Geburt sollte man zuerst mit einem Rückbildungskurs langsam wieder mit sportlichen Aktivitäten beginnen. Wenn der Beckenboden und die Bauch- und Rückenmuskulatur gestärkt und trainiert sind, spricht nichts mehr gegen den vorher ausgeübten Sport, langsam und in Maßen.

Warum ist es nicht gut seinen Körper nach der Geburt zu quälen?

Der Körper braucht eine natürliche und physiologische Regenerationphase, in der die gewebeauflockernden Schwangerschaftshormone wieder abgebaut werden können. Bis dahin ist die Muskulatur so aufgelockert, dass wirkliches Training ineffizient und teilweise sogar schädigend sein kann.

Statt Sport und Diät – wozu sollten Frauen die Zeit im Wochenbett tatsächlich nutzen?

Frauen sollten diese Zeit dazu nutzen, sich auszuruhen, sich und ihr Leben neu zu ordnen und zu definieren und die Zeit mit ihrem Kind, so häufig wie möglich zu genießen, ohne sich durch äußere Zwänge stressen zu lassen. Sie sollten beginnen, nach ihrem eigenen intuitiven und individuellen Gefühl zu urteilen und zu handeln und sich nicht durch Scheinwelten und „gutgemeinte Ratschläge“ verunsichern zu lassen. Selbstbewusstsein und Authentizität, das wäre das realistische Ziel.

Wie können Frauen lernen die körperlichen Veränderungen nach der Geburt zu akzeptieren?

In dem sie lernen, sich nicht durch ihre Körperlichkeit, sondern durch ihre Persönlichkeit zu definieren und sich trauen die eigenen Prioritäten im Leben neu zu ordnen und der neuen Lebenssituation anzupassen.

Welche Tipps haben Sie für die richtige Ernährung und Sport in der Schwangerschaft und nach der Geburt?

Grundsätzlich sollten sich Frauen in der Schwangerschaft und in der Stillzeit ausgewogen und gesund ernähren, nicht nach Plan essen oder Empfehlung von Ernährungsratgebern. Dieses gilt auch für alle sportlichen Aktivitäten. Alles mit klarem Menschenverstand und in Maßen.

Welche No-gos gibt es? Was sollten Frauen in der Schwangerschaft und nach der Geburt unbedingt vermeiden?

Frauen sollten vermeiden, sich permanent mit anderen Frauen zu vergleichen und sich an ihnen zu orientieren. Jede Frau ist und erlebt Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett subjektiv und anders, mehr oder weniger selbstreflektiert. Es gibt keinen „Masterplan“ oder ein Patentrezept für eine glückliche Zeit vor und nach der Geburt. Dieses Ziel können weder die Medien, noch andere ratgebenden Personen vorgeben. Jede Frau muss daher ihren eigenen, individuellen Weg finden, um dieses Glück leben bzw. erleben zu können und das funktioniert sicherlich nicht in erster Linie über die eigene perfekte Figur.

Maria Kremer ist seit fast 20 Jahren Hebamme. Sie arbeitet freiberuflich als Beleghebamme in einem Krankenhaus. Wir bedanken uns bei ihr für das spannenden Interview, die offenen und ehrlichen Antworten. Dieses Interview führte Viola Booth.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 17. Juli 2017

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