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Harninkontinenz

Autor: Dr. med. Ulrike Henning
Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2015

Unter Harninkontinenz, oder auch Blasenschwäche, versteht man den unbeabsichtigten Abgang von Urin aus der Harnröhre aufgrund mangelnder Kontrolle über das Wasserlassen (Miktion). Man unterscheidet die Stress- von der Drang-Inkontinenz (Urge-Inkontinenz).

Harninkontinenz
Harninkontinenz: Die unterschiedlichen Arten

Bei der Stress-Inkontinenz erhöht sich der Druck im Bauchraum, beispielsweise beim Husten oder Niesen, wodurch es zum unfreiwilligen Abgang von Urin kommt.

Die Drang-Inkontinenz zeichnet sich durch sehr plötzlich auftretenden Harndrang aus, der Betroffene muss die Blase sofort entleeren. Geschieht dies nicht, kommt es schnell zum unfreiwilligen Harnabgang. Schätzungen zufolge sind etwa 30 Prozent der über 65-jährigen von der Harninkontinenz betroffen. Die Erkrankung tritt häufiger bei Frauen als bei Männern auf, bei Frauen auch schon in jüngeren Jahren. Tritt die Harninkontinenz in Verbindung mit Stuhlinkontinenz auf, spricht man von doppelter Inkontinenz.

Anatomie der Harnwege

Der Urin wird in den Nieren gebildet und in der Harnblase (Vesica urinaria) gesammelt. Ist ein bestimmter Füllungszustand der Harnblase erreicht, wird der Harndrang ausgelöst. Der Schließmuskel (Sphincter), der den Austritt von Urin aus der Harnblase in die Harnröhre reguliert, öffnet sich. Der Urin wird über die Harnröhre abgegeben, die Blase leert sich. Zusätzlich zum Schließmuskel sind andere Muskelgruppen am Vorgang der Miktion beteiligt, vor allem die Beckenbodenmuskeln, welche die Blase wie ein nach oben geöffneter Trichter umgeben. Der so genannte Austreiber-Muskel (Detrusor-Muskel) zieht sich zusammen und entleert auf diese Weise die Blase.

Wodurch entsteht Harninkontinenz?

In vielen Fällen tritt die Harninkontinenz als Nebenwirkung einer Behandlung mit Medikamenten auf. Die Drang-Inkontinenz ist in den meisten Fällen auf eine überschießende Aktivität des Detrusor-Muskels der Harnblase zurückzuführen. Seltene Ursache für eine Harninkontinenz sind Störungen der zentralen Regulation des Wasserlassens, beispielsweise nach einem Schlaganfall oder bei anderen neurologischen Störungen. Auch Entzündungen der ableitenden Harnwege oder Tumoren können zur Inkontinenz führen.

Ursachen bei Frauen

Insbesondere bei jungen Frauen kann eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur zur Harninkontinenz führen. Durch Schwangerschaften und Geburten werden die Beckenbodenmuskeln stark beansprucht. Jedoch können auch Frauen, die keine Schwangerschaften erlebt haben, eine Schwäche des Beckenbodens entwickeln.

Bei Frauen ist eine Senkung (Prolaps) der Gebärmutter möglich. Durch geänderte anatomische Verhältnisse können sich Blase oder Darm vorwölben (Cysto- oder Rectocele), wodurch starker Druck auf die Harnblase ausgeübt wird. Hierdurch kann eine Harninkontinenz entstehen.

Ursachen bei Männern

Auch Männer können eine Schwäche des Beckenbodens entwickeln und dadurch harninkontinent werden. Eine häufige Ursache der Harninkontinenz bei Männern ist die Vergrößerung der Vorsteherdrüse (Prostatahyperplasie). Nahezu jeder Mann entwickelt im höheren Alter eine gutartige Vergrößerung und Verhärtung der Prostata. Da die Harnröhre durch die Prostata führt, kann sie bei einer Prostatahyperplasie eingeengt werden. Der Harnfluss wird behindert, sodass es im Lauf der Jahre zur Harninkontinenz kommen kann.

Wie äußert sich Harninkontinenz?

Die Harninkontinenz zeichnet sich aus durch den unfreiwilligen Abgang von Urin aus der Harnblase.

Bei der Stress-Inkontinenz erfolgt der Urinabgang vor allem bei Druckerhöhung im Bauchraum, beispielsweise beim Husten, Niesen oder Lachen (Stress-Inkontinenz Grad I). Kommt es zum Urinabgang bei Belastungen wie beispielsweise Treppensteigen, spricht man von einer Stress-Inkontinenz Grad II. Kann die Blase auch in Ruhe nicht bewusst kontrolliert werden, liegt eine Stress-Inkontinenz dritten Grades vor.

Bei der Drang- oder Urge-Inkontinenz verspürt der Betroffene Harndrang und muss kurz darauf die Blase entleeren. Geschieht dies nicht, kommt es zum unfreiwilligen Abgang von Urin.

Wie wird Harninkontinenz festgestellt?

Der erste Schritt zur Diagnose Harninkontinenz ist das ausführliche Arztgespräch (Anamnese). Hierbei können insbesondere mögliche Ursachen und der Typ der Inkontinenz festgelegt werden. Eine Urinprobe wird im Labor auf mögliche Entzündungszeichen untersucht.

Die körperliche Untersuchung beinhaltet bei Männern die Abtastung der Vorsteherdrüse (Prostata) über den Enddarm mit dem Finger (rektale digitale Exploration).

Um mögliche Regelmäßigkeiten und Auslöser für die Harninkontinenz einzugrenzen, kann ein vom Betroffenen zu führendes Blasentagebuch hilfreich sein.

Eine Ultraschall-Untersuchung (Sonographie) der Harnblase vor und nach dem Wasserlassen gibt Aufschluss darüber, ob die Blase vollständig entleert wird oder ob Restharn in der Blase bleibt. Außerdem können die Struktur der Blase und Nieren direkt beurteilt werden.

Bei der urologischen Untersuchung kann die Größe der Prostata genauer bestimmt werden. Auch eine Spiegelung der Harnblase (Cystoskopie) kann bei bestimmten Fragestellungen zur Anwendung kommen.

Die Untersuchung beim Frauenarzt (Gynäkologen) gibt Aufschluss über die Funktion der Beckenbodenmuskulatur. Auch kann hierbei beurteilt werden, ob beispielsweise eine Senkung (Prolaps) der Gebärmutter und eine Vorwölbung der Harnblase (Cystocele) oder des Enddarms (Rectocele) vorliegt.

Spezielle Untersuchungen wie Röntgenaufnahmen der Nieren und ableitenden Harnwege oder die so genannte Urodynamik werden bei speziellen Fragestellungen durchgeführt.

Wie wird Harninkontinenz behandelt?

Nicht in allen Fällen ist die Behandlung der Harninkontinenz notwendig. Wichtig sind die Ausprägung der Symptome und in erster Linie der Leidensdruck des Betroffenen. In vielen Fällen ist die symptomatische Behandlung ausreichend. Diese besteht darin, Inkontinenz-Vorlagen in der Unterwäsche zu tragen oder, bei Männern, Kondom-Urinale zu verwenden. In leichten Fällen können auch Slip-Einlagen getragen werden. In schwereren Fällen insbesondere bei älteren, bettlägerigen Menschen empfiehlt sich das Tragen von Windelhosen.

Beim Beckenbodentraining wird die Muskulatur des Beckenbodens gezielt gestärkt, die Kontinenz kann dadurch deutlich verbessert werden. Andere unterstützende Maßnahmen sind festgelegte Entleerungszeiten oder Blasentraining.

Die Stress-Inkontinenz kann meist durch eine Operation am besten behandelt werden. Beispielsweise können die ursprünglichen anatomischen Verhältnisse bei einer Cysto- oder Rectocele durch eine Operation wieder hergestellt werden (Kolporaphie). Alternativ besteht die Möglichkeit der Therapie durch Kombination von Medikamenten mit Beckenbodentraining.

Die Drang-Inkontinenz ist gut durch Medikamente behandelbar. Hierdurch wird die Aktivität des Detrusor-Muskels, der die Blasenentleerung steuert, gehemmt. In manchen Fällen kommt auch eine Operation zur Anwendung, beispielsweise bei Männern die Entfernung eines Teils der Prostata über die Harnröhre (TransUrethrale Resektion der Prostata).

Wie verläuft Harninkontinenz?

Der Verlauf der Harninkontinenz hängt wesentlich vom Zeitpunkt der Diagnosestellung und Beginn der Therapie ab. Beginnt die Behandlung frühzeitig, kann insbesondere die Stress-Inkontinenz gut behandelt und auch geheilt werden. Auch durch eine Operation kann die Inkontinenz in vielen Fällen beseitigt werden. Viele Fälle der Harninkontinenz verlaufen chronisch. Durch die verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung kann jedoch meist zumindest die Lebensqualität verbessert werden.

Wie kann man Harninkontinenz vorbeugen?

Bestehen Anzeichen für eine Harninkontinenz, sollte früh ein Arzt aufgesucht werden, um die richtige Behandlung rechtzeitig einleiten zu können. Eine vorbeugende Maßnahme gegen die Harninkontinenz insbesondere während der Rückbildung nach einer Schwangerschaft und Geburt ist die gezielte Stärkung der Beckenboden-Muskulatur.

Autor: Dr. med. Ulrike Henning
Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2015
Quellen
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