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Dienstag, 25. September 2018
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Baby-led Weaning: Fingerfood statt Babybrei?

Autor: Viola Booth, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 04. September 2018

Beim Baby-led Weaning bestimmt Ihr Baby selbst, wann es bereit für Beikost ist und nimmt statt Brei von Anfang an feste Nahrung am Familientisch zu sich.

Baby-led Weaning
Beim Baby-led Weaning wählt Ihr Kind selbst aus, was es essen möchte
© iStock.com/kickers

Das Ernährungskonzept des Baby-led Weaning wurde von Gill Rapley, einer britischen Hebamme und Stillberaterin, entwickelt. Es beruht auf der Annahme, dass Babys selbst entscheiden können, wann sie welche Lebensmittel zu sich nehmen. Nicht die Eltern sollen mit der Breifütterung über ihr Baby und seine Nahrungsaufnahme bestimmen, sondern es selbst hat die Kontrolle darüber, was es essen möchte. So soll die individuelle Entwicklung der Kinder gefördert werden.

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Was bedeutet Baby-led Weaning?

Baby-led Weaning (kurz auch BLW genannt) leitet sich von dem englischen Wort „Weaning“ (übersetzt Entwöhnung) ab. Es bedeutet so viel wie „vom Baby geführtes Entwöhnen“. Mit Entwöhnung ist hier die allmähliche Umstellung der Ernährung von Muttermilch oder Milchersatz zu Normalkost gemeint. Baby-led Weaning beschäftigt sich mit den Anfangsmonaten, in denen Babys das erste Mal feste Nahrung aufnehmen.

In dieser Zeit übernehmen Eltern normalerweise die entscheidende Rolle bei der Einführung von Beikost: Sie legen fest, wann das Baby bereit für den ersten Brei ist und beginnen damit, es (manchmal bei erheblichem Widerstand) mit dem Löffel zu füttern. Beim Baby-led Weaning wird diese Entscheidung dem Baby selbst überlassen. Wie beim Laufen, Krabbeln oder Sprechen soll das Baby auch beim Essen instinktiv entsprechend seiner eigenen Fähigkeiten die Führung übernehmen. Statt gefüttert zu werden, nimmt es unaufgefordert direkt feste Nahrung in Form von Fingerfood – also kleinen mundgerechten Häppchen – zu sich. Da gesunde Babys schon an der Brust von alleine trinken, soll das eigenständige Essen nicht durch die Breifütterung unterbrochen werden.

Baby-led Weaning Anleitung: So funktioniert es

Das Prinzip des Baby-led Weaning geht davon aus, dass Babys ab dem sechsten Lebensmonat dazu in der Lage sind, selbst zu essen. Die Mahlzeiten sind in diesem Alter noch ein Spiel, bei dem das Essen erforscht und damit experimentiert wird. Sie haben nichts mit Hungergefühl und der, damit verbundenen Nahrungsaufnahme zu tun. Die Kost soll die Milch nicht ersetzen, sondern anfangs nur ergänzen. Nach und nach lernt das Baby zu beißen und zu kauen – erst mit dem Gaumen, dann mit den Zähnen – sodass es die Nahrung schon bald schlucken wird.

Damit Ihr Baby übt, eigenständig zu essen, sitzt es von Anfang an mit am Familientisch. Die natürliche Neugier und der Nachahmungstrieb wecken das Interesse daran, Lebensmittel in den Mund zu nehmen. Dazu können Sie eine Auswahl von verschiedenen Häppchen in seine Reichweite legen. Was das Baby damit macht, ist ihm überlassen. Sie geben Ihrem Kind die Gelegenheit zum Ausprobieren, aber die Kontrolle darüber hat das Baby ganz alleine. Sie können mit Ihrem Nachwuchs über das Essen sprechen, sollten ihn aber weder auffordern, noch loben oder tadeln. Auch, wenn Baby-led Weaning am Anfang eine große Schweinerei ist, sollten Sie immer ruhig bleiben. Dass Babys erst einmal für Chaos am Tisch sorgen, ist normal. Wenn das Kind übt, wird es mit der Zeit geschickter.

Baby-led Weaning (BLW) Beginn: Wann ist mein Kind bereit?

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, an denen Sie erkennen, dass Sie Ihrem Baby feste Nahrung anbieten können:

  • Ihr Baby sitzt frei oder nur leicht gestützt.
  • Es greift nach Dingen und nimmt diese schnell und zielsicher in den Mund.
  • Ihr Kind kaut an seinem Spielzeug und macht kauende Bewegungen.
  • Das allerbeste Zeichen: Ihr Baby schiebt sich selbst Essen in den Mund.

Baby-led Weaning: Beikost und Muttermilch - wann soll die Milchmenge reduziert werden?

Nach der Methode des Baby-led Weaning sollte die Milchmenge zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat etwa unverändert bleiben. Das heißt: Es wird weiterhin gestillt oder die Flasche gegeben. Parallel zur Muttermilch oder zur Milchersatznahrung kann dann immer mehr feste Nahrung in den Speiseplan integriert werden. Etwa ab dem neunten Monat wird die Milchmenge reduziert und es erfolgt schrittweise die Umstellung auf Normalkost. Den konkreten Zeitpunkt bestimmt das Kind beim Baby-led Weaning selbst. Wann weniger gestillt oder abgestillt werden kann, ist von Kind zu Kind verschieden. Manche Babys fangen schon mit sechs Monaten an, das angebotene Essen zu schlucken, andere haben bis zum achten Monat immer noch wenig Interesse an der Nahrung.

Baby-led Weaning-Rezepte: Das geeignete Fingerfood

Es liegt in Ihrer Verantwortung, Ihrem Kind ausgewogene und gesunde Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Bieten Sie anfangs nur eine kleine Auswahl an, damit Ihr Baby nicht abgeschreckt wird. Geben Sie Ihrem Kind auch nicht zu viel auf einmal, sondern halten Sie lieber Nachschub bereit.

Generell kann Ihr Baby die gleichen Speisen essen, wie Sie selbst am Familientisch. Sie müssen also nicht extra kochen. Wählen Sie Lebensmittel, die leicht und sicher zu greifen sind: gedämpftes Gemüse wie grüne Bohnen oder Zuckererbsen, Blumenkohl- und Brokkoliröschen, Gemüsesticks aus gedämpften, gekochten oder gebratenen Kartoffeln, Möhren, Zucchini oder Auberginen, Hühnchen (in Streifen oder am Schenkelknochen), schmale Rind- oder Lammstreifen, Obst wie Birne, Apfel oder Banane und Brotsticks oder Toast-Streifen. Ist die Experimentierfreude später stärker, können Sie Ihrem Kind auch selbstgemachte, gewürzarme Frikadellen, Hamburger oder Falafel anbieten. Vermeiden Sie salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel und alles, was eine Erstickungsgefahr darstellen könnte – also keine Nüsse oder Kirschen mit Kern. Trauben und Cocktailtomaten sollten Sie zuvor halbieren.

Wichtig: Bei Babys ist die Erstickungsgefahr zwar gering, weil der Würgereflex viel weiter vorne sitzt als bei Erwachsenen und sie zu große Stücke wieder ausspucken, lassen Sie Ihr Kind beim Essen trotzdem nie alleine. Achten Sie außerdem darauf, dass Ihr Baby in der Wange keine Nahrungsmittel hamstert, bevor es nach dem Essen spielen oder schlafen geht.

Baby-led Weaning: Vorteile

Allgemein wird die frühe Gewöhnung an vielfältige Lebensmittel durchaus positiv eingeschätzt. Nach den Angaben von Gill Rapley, der Erfinderin des Baby-led Weaning, hat dieser Beikostweg einige Vorteile: Dem Baby macht das Essen Spaß, es kann wichtige Fähigkeiten üben und selbst tätig werden. Dabei lernt es viel, gewinnt an Selbstvertrauen und bekommt eine gesunde Einstellung zum Essen und Ausprobieren. Babys ahmen das Verhalten am Tisch nach und sind später schneller mit dem Umgang von Besteck und Tischmanieren vertraut. Typische Fütterspiele wie „Hier kommt ein Vögelchen ...“ werden unnötig, weil die Eltern im Gegensatz zum Füttern mit dem Löffel nicht auf Widerstand stoßen. Da das Baby isst, was auch bei der Familie auf dem Tisch landet, ist Baby-led Weaning außerdem eine preiswerte Alternative zur Breifütterung.

Baby-led Weaning gefährlich? Baby-led Weaning-Kritik

Es existieren kritische Stimmen zum Baby-led Weaning. Einige Experten sind skeptisch, denn es gibt bisher nur wenig Studien, die Nährstoffzufuhr, Gesundheit und Wachstum von Säuglingen nach dem Baby-led Weaning untersucht haben. In den aktuellen Handlungsempfehlungen zur "Ernährung und Bewegung von Säuglingen und stillenden Frauen" der Initiative "Gesund ins Leben - Netzwerk Junge Familie" (Stand September 2016) heißt es, dass es bisher keine Studien gibt, die belegen, dass Baby-led Weaning im Vergleich zur Breifütterung ein langfristig gesünderes Ernährungsverhalten fördern kann. Für eine gesunde Entwicklung ist die richtige Energie- und Nährstoffzufuhr allerdings sehr wichtig. Kinder brauchen ab dem siebten Lebensmonat, über die in der Muttermilch enthaltenen Inhaltsstoffe hinaus, zusätzliche Nährstoffe, die mit dem Beikostplan für das erste Lebensjahr optimal abgedeckt sind. Dass es mit dem Baby-led Weaning zu einem Nährstoffmangel kommt, kann nicht ausgeschlossen werden. Die Empfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben, eine Initiative des Bundesernährungsministeriums, lautet daher folgendermaßen: „Eltern sollten sich in der Beikost weiterhin an dem bewährten und sicheren Ernährungsplan orientieren. Doch das schließt Fingerfood nicht aus. Werden dem Säugling zusätzlich nährstoffreiche Lebensmittel in Stückchen angeboten, kann er sie mit allen Sinnen erfahren und spielerisch eine gesunde Ernährung entdecken. Auch für Babys, die Brei eher verweigern, kann dies ein Weg für eine gute Versorgung sein.“

Für wen ist Baby-led Weaning ungeeignet?

BLW basiert auf einer normalen Säuglingsentwicklung. Bei einer verzögerten Entwicklung, Allergien, Frühgeburten oder Fehlbildungen des Mundes, der Arme oder des Rückens (z. B. Down-Syndrom) kann das Füttern mit dem Löffel vorteilhafter sein. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass feste Nahrung trotzdem zusätzlich angeboten wird. Bevor Sie sich für Baby-led Weaning entscheiden, sollten Sie mit Ihrem Kinderarzt sprechen.

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Autor: Viola Booth, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 04. September 2018
Quellen

Beiträge im Forum "Stillen, Langzeitstillen & Beikost"
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