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Samstag, 24. Juni 2017
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Geschäft mit der Hoffnung?

Künstliche Befruchtung im Ausland

Künstliche Befruchtung im Ausland
Viele Paare setzen ihre Hoffnung auf eine künstliche Befruchtung im Ausland
(c) iStockphoto/AMR Image

Ob in Österreich, Polen, Tschechien, Spanien oder den Niederlanden – der „Befruchtungstourismus“ boomt: Tausende Paare reisen jährlich ins Ausland, um sich dort künstlich befruchten zu lassen. Das Versprechen, mit dem viele Anbieter locken: die Erfolgschancen auf eine Schwangerschaft stünden hoch, die Kosten seien gering.

Weltweit sind schätzungsweise 48,5 Millionen Paare aufgrund von Unfruchtbarkeit ungewollt kinderlos. „Die Nachricht, auf natürlichem Wege keinen Nachwuchs bekommen zu können, kann bei Betroffenen eine existenzielle Lebenskrise auslösen“, sagt Familientherapeutin Dr. Petra Thorn, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung (Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland e.V. – BKiD). Häufig setzen Wunscheltern ihre Hoffnungen deshalb in die Methoden der Reproduktionsmedizin. Nach Angaben des Deutschen IVF Registers haben sich im Jahr 2015 rund 58.000 Frauen behandeln lassen – 2,5 Prozent der lebendgeborenen Kinder des Jahres 2014 wurden nach einer künstlichen Befruchtung geboren.

Künstliche Befruchtung im Ausland: Stehen die Chancen auf Erfolg besser?

Besonders im Internet machen zahlreiche Anbieter kinderlosen Frauen und Männern mit ihrer Werbung große Hoffnung. Dort lassen sich Angebote finden, die Paaren „Rundum-Sorglos-Pakete“ versprechen: Luxus-Urlaub im Fünf-Sterne-Hotel und gleichzeitige Kinderwunschbehandlungen, durch die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schwangerschaft einstellen soll.

In Deutschland liegt die Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft nach den hier erlaubten Methoden – IVF (In-Vitro-Fertilisation) und ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) – bei 15 bis 20 Prozent pro Versuch. Nicht selten gehen die Erfolgsversprechen von Anbietern im In- und Ausland weit darüber hinaus. „Oft sind solche unrealistischen Zahlen maßlos übertrieben“, so Familientherapeutin Thorn.

Wunscheltern fragen sich: Wo ist die künstliche Befruchtung am besten?

Dennoch kursiert der Mythos, eine künstliche Befruchtung in den europäischen Nachbarländern sei aussichtsreicher als in Deutschland. „Dabei handelt es sich um ein Missverständnis“, sagt Prof. Dr. Heribert Kentenich vom Fertility Center Berlin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG). „Identische Behandlungsmethoden sind Statistiken zufolge im Ausland nicht erfolgreicher als in Deutschland. Im internationalen Vergleich befinden wir uns auf einem hohen Standard“, erklärt der Experte aus der Kinderwunschpraxis.

Entgegen vieler Gerüchte ist auch der Transfer von Embryonen im Blastozystenstadium in Deutschland erlaubt. Das bedeutet, die Entwicklung der befruchteten Eizellen wird vor dem Einsetzen bis zum fünften Tag beobachtet, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. „Ob eine solche Behandlung sinnvoll ist und Erfolg hat, ist nicht vom Land abhängig, sondern von medizinischen und individuellen Bedingungen“, erklärt Thorn. „In Deutschland darf die Entwicklung der Blastozystenkultur allerdings nicht für eine ‚Vorratsbefruchtung’ genutzt werden“, sagt Kentenich. Das heißt: Es dürfen nicht in unbegrenzter Zahl überschüssige Embryonen produziert werden, um darunter eine Auswahl zu treffen. Auch Samenspenden sind in Deutschland grundsätzlich erlaubt. „Die Richtlinien der Bundesärztekammer empfehlen Ärzten allerdings, nur heterosexuelle Paare zu behandeln“, so Thorn. In einigen Bundesländern werde dies aber liberal ausgelegt, sodass auch homosexuellen Paare oder alleinstehenden Frauen durch gespendeten Samen zu einer Schwangerschaft verholfen wird.

Eizellenspende – nur bei künstlicher Befruchtung im Ausland möglich

Andere Maßnahmen der Reproduktionsmedizin sind in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz eindeutig verboten. Paare, die auf eine Eizellenspende oder eine Leihmutterschaft angewiesen sind, bleibt nach aktueller Rechtslage keine andere Möglichkeit, als eine solche Behandlung im Ausland durchführen zu lassen. Gesetzlich ist geregelt, dass jedes Kind das Recht haben soll, seine biologische Abstammung in Erfahrung zu bringen. „Darauf weisen wir Paare in unseren Beratungen hin und beschreiben, was das für ein Kind bedeuten könnte. Wir erklären auch über realistische Schwangerschaftsraten auf, die im Rahmen einer Eizellenspende bei 30 bis 40 Prozent liegt – wenn die Eizelle das Problem der Kinderlosigkeit darstellt“, sagt Thorn. „Betroffene sollten möglichst alle Aspekte in ihren Entscheidungsprozess einbeziehen.“

Patienten, die sich für eine Eizellenspende im Ausland entscheiden, machen sich hierzulande übrigens nicht strafbar. Ärzten in Deutschland ist es hingegen untersagt, auch nur an der Vorbereitung einer solchen Behandlung mitzuwirken. Prof. Dr. Kentenich vom Fertility Center Berlin findet: „Eine Änderung der Gesetze wäre hier sinnvoll. Die Regelung, dass eine Samenspende erlaubt und eine Eizellenspende verboten ist, entstand aus einer konservativen Grundhaltung, die mittlerweile veraltet ist. Eizellen und Samenzellen werden nicht als gleichwertig angesehen, sodass sich Patientinnen im Ausland behandeln lassen müssen. Das ergibt medizinisch, psychologisch und ethisch keinen Sinn.“

Ist eine künstliche Befruchtung im Ausland günstiger?

Ein weiterer Grund, warum sich Frauen im Ausland künstlich befruchten lassen: Die Behandlung sei günstiger. In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen bei verheirateten Paaren die Hälfte der Kosten für eine gewisse Behandlungsanzahl. Bei Anwendungen im Ausland beteiligt sich die Kasse in der Regel nur dann an den Kosten, wenn die Methode auch in Deutschland zulässig und als sinnvoll angesehen ist. Vorab sollte sich jeder Patient bei seiner Krankenkasse über die Konditionen informieren (bei privaten Kassen können andere Bedingungen gelten).

Sind die Finanzierungsmöglichkeiten im eigenen Land ausgeschöpft, halten Betroffene das Ausland für eine gute Alternative. „In einigen Fällen kann es sein, dass die Behandlungen in einem anderen Land günstiger sind – zum Beispiel aufgrund von preiswerteren Medikamenten. Dennoch sollte immer genau geprüft werden, um was für eine Art von Angebot es sich handelt“, sagt Kentenich.

Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung im Ausland: neutrale Beratung ist wichtig

„Seriöse Anbieter zu finden, ist nicht einfach“, weiß Thorn. „Paare sind damit oft auf sich alleine gestellt, ratlos und emotional unsicher.“ Kein Wunder: Bei der Vielzahl von Angeboten fällt es schwer, den Überblick zu behalten und Qualität von schwarzen Schafen zu unterscheiden. „Ich kann diese All-inclusiv-Angebote zwar nicht beurteilen, glaube aber generell, dass man Urlaub und Kinderwunschbehandlungen in einer medizinischen Einrichtung voneinander trennen sollte“, resümiert Kentenich. „Einen guten Anbieter erkennen Sie daran, dass er auf Sie als Person und Ihre Situation eingeht und nicht nur am Geldverdienen interessiert ist. Es ist wichtig, dass Sie sich vorab neutral beraten lassen, um dann selbst eine Entscheidung treffen zu können. Die Kinderwunschzentren sind dafür eine gute Anlaufstelle.“

Die Experten des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland betreuen Betroffene vor, während und nach einer künstlichen Befruchtung. Dr. Petra Thorn und viele andere qualifizierte Beraterinnen und Berater stehen Wunscheltern auch bei der Trauerbewältigung zur Seite: „Sollten Paare sich irgendwann vielleicht doch von ihrem Kinderwunsch verabschieden müssen, entwickeln wir mit ihnen einen Plan B – für ein erfülltes Leben ohne Kind.“

Autor:
Letzte Aktualisierung: 24. Januar 2017
Quellen: J. Datta, M.J. Palmer, C. Tanton, L.J. Gibson, K.G. Jones, W. Macdowall, A. Glasier, P. Sonnenberg, N. Field, C.H. Mercer, A.M. Johnson, and K. Wellings: Prevalence of infertility and help seeking among 15 000 women and men. Human Reproduction, Vol.31, No.9 pp. 2108–2118, 2016; Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie – Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology: DIR – Deutsches IVF Register. Jahrbuch 2015. 13. Jahrgang 2016 (Sonderheft 1/2016)/Modifizierter Nachdruck aus Nummer 5: 191–223 /ISSN 1810-2107, Gablitz, Krause & Pachernegg GmbH, Verlag für Medizin und Wirtschaft; Online-Informationen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: https://www.bmfsfj.de (Abruf: 17.01.17)

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