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Wege zum Wunschkind

Künstliche Befruchtung im Ausland: Geschäft mit der Hoffnung?

Ob in Österreich, Polen, Tschechien, Spanien, den Niederlanden oder in den USA – der „Befruchtungstourismus“ boomt: Tausende Paare reisen jährlich ins Ausland, um sich dort künstlich befruchten zu lassen. Was du über Kinderwunschbehandlungen im Ausland, ihre Erfolgschancen, Risiken und Kosten wissen musst.

Künstliche Befruchtung im Ausland: Geschäft mit der Hoffnung?
© Getty Images/dmphoto

Fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ist in Deutschland ungewollt kinderlos. Häufig setzen Wunscheltern ihre Hoffnungen in die Methoden der Reproduktionsmedizin. Paare, die für eine künstliche Befruchtung ins Ausland reisen, versprechen sich viel davon. Doch stehen die Erfolgschancen tatsächlich hoch und sind die Kosten so gering, wie es einige Anbieter prophezeien?

Artikelinhalte im Überblick:

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Gründe für eine künstliche Befruchtung im Ausland

„Die Nachricht, auf natürlichem Wege keinen Nachwuchs bekommen zu können, kann bei Betroffenen eine existenzielle Lebenskrise auslösen“, sagt Familientherapeutin Dr. Petra Thorn, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung (Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland e.V. – BKiD). Angebote für eine künstliche Befruchtung im Ausland klingen in solchen Situationen oft verlockend. Einige Paare hoffen, dass sie im Ausland die passende Hilfe finden – etwa aus folgenden Gründen:

  • Kosten der künstlichen Befruchtung: Behandlungen im Ausland könnten vermeintlich günstiger sein als in Deutschland. Dies kann für Paare etwa eine Rolle spielen, wenn die Kostenübernahme der Krankenkasse und die staatlichen Förderungen für künstliche Befruchtungen ausgeschöpft sind.

  • Methoden der künstlichen Befruchtung: Im Ausland sind Verfahren zugelassen, die in Deutschland nicht erlaubt sind – zum Beispiel die Eizellspende und die Leihmutterschaft.

Erfolg einer künstlichen Befruchtung im Ausland

Besonders im Internet machen zahlreiche Anbieter kinderlosen Frauen und Männern mit ihrer Werbung große Hoffnung. Dort lassen sich Angebote finden, die Paaren „Rundum-Sorglos-Pakete“ versprechen: Luxus-Urlaub im Fünf-Sterne-Hotel und gleichzeitige Kinderwunschbehandlungen, durch die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schwangerschaft einstellen soll.

In Deutschland liegt die Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft nach den hier erlaubten Methoden – IVF (In-Vitro-Fertilisation) und ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) – bei 25 bis 30 Prozent pro Versuch. Nicht selten gehen die Erfolgsversprechen von Anbietern im In- und Ausland weit darüber hinaus. „Oft sind solche unrealistischen Zahlen maßlos übertrieben“, so Familientherapeutin Thorn.

Dennoch kursiert der Mythos, eine künstliche Befruchtung in den europäischen Nachbarländern sei aussichtsreicher als in Deutschland. „Dabei handelt es sich um ein Missverständnis“, sagt Prof. Dr. Heribert Kentenich vom Fertility Center Berlin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG). „Identische Behandlungsmethoden sind Statistiken zufolge im Ausland nicht erfolgreicher als in Deutschland. Im internationalen Vergleich befinden wir uns auf einem hohen Standard“, erklärt der Experte aus der Kinderwunschpraxis.

Kinderwunschbehandlungen im In- und Ausland: Was ist erlaubt und was verboten?

Bestimmte Maßnahmen der Reproduktionsmedizin sind in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Paaren, die auf eine Eizellspende oder eine Leihmutterschaft angewiesen sind, bleibt nach aktueller Rechtslage keine andere Möglichkeit, als eine solche Behandlung im Ausland durchführen zu lassen. Gesetzlich ist geregelt, dass jedes Kind das Recht haben soll, seine biologische Abstammung in Erfahrung zu bringen. „Darauf weisen wir Paare in unseren Beratungen hin und beschreiben, was das für ein Kind bedeuten könnte. Wir klären auch über realistische Schwangerschaftsraten auf, die im Rahmen einer Eizellspende bei 30 bis 40 Prozent liegt – wenn die Eizelle das Problem der Kinderlosigkeit darstellt“, sagt Thorn. „Betroffene sollten möglichst alle Aspekte in ihren Entscheidungsprozess einbeziehen.“

Doch in Deutschland ist längst nicht alles verboten: Samenspenden sind hierzulande grundsätzlich erlaubt. Entgegen vieler Gerüchte ist auch der Transfer von Embryonen im Blastozystenstadium sehr wohl möglich. Das bedeutet, die Entwicklung der befruchteten Eizellen wird vor dem Einsetzen bis zum fünften Tag beobachtet, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. „Ob eine solche Behandlung sinnvoll ist und Erfolg hat, ist nicht vom Land abhängig, sondern von medizinischen und individuellen Bedingungen“, erklärt Thorn. „In Deutschland darf die Entwicklung der Blastozystenkultur al                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      lerdings nicht für eine ‚Vorratsbefruchtung’ genutzt werden“, sagt Kentenich. Das heißt: Es dürfen nicht in unbegrenzter Zahl überschüssige Embryonen produziert werden, um darunter eine Auswahl zu treffen.

Mögliche Auslandsbehandlungen:

  • IVF/ICSI: Behandlungen werden zum Beispiel aus Kostengründen im Ausland durchgeführt.

  • Eizellspende: Diese Methode ist in Deutschland verboten. In anderen europäischen Ländern ist die Eizellspende erlaubt. Zum Beispiel ist das Verfahren in Österreich zugelassen, es müssen dafür allerdings bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.

  • Samenspende: Für eine Behandlung mit Spendersamen im Ausland entscheiden sich laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vor allem lesbische und alleinstehende Frauen. In Deutschland sind anonyme Samenspenden nicht mehr zugelassen. Spender werden in einem Register erfasst, um dem Kind später die Möglichkeit zu geben, Kenntnis über seinen Vater zu erlangen.

  • Embryonenspende: Hierzu herrscht in Deutschland eine unklare gesetzliche Lage, weshalb sie hierzulande nur praktiziert wird, wenn es sich wirklich um einen Embryo handelt und nicht um eine sogenannte imprägnierte Eizelle.

  • Leihmutterschaft: Eine Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht erlaubt. In den USA ist sie hingegen in fast allen Bundesstaaten legal.

Eine Anpassung des Gesetzes zur Eizellspende wird in Deutschland übrigens kontrovers diskutiert. Prof. Dr. Kentenich vom Fertility Center Berlin findet: „Eine Änderung der Gesetze wäre hier sinnvoll. Die Regelung, dass eine Samenspende erlaubt und eine Eizellenspende verboten ist, entstand aus einer konservativen Grundhaltung, die mittlerweile veraltet ist. Eizellen und Samenzellen werden nicht als gleichwertig angesehen, sodass sich Patientinnen im Ausland behandeln lassen müssen. Das ergibt medizinisch, psychologisch und ethisch keinen Sinn.“ Gegenstimmen äußern Argumente wie die Gefahr einer Kommerzialisierung der Eizellspende, die für Ausbeutungsverhältnisse sorgen könnte.

Risiken einer künstlichen Befruchtung im Ausland

Eine künstliche Befruchtung im Ausland kann mit den gleichen Risiken einhergehen wie in Deutschland. Folgende Risiken können je nach ausgewählter Behandlung zum Beispiel damit verbunden sein:

  • Überstimulation bei hormonellen Behandlungen
  • Mehrlingsschwangerschaft: In einigen Ländern gibt es keine oder andere Vorgaben dazu, wie viele Embryonen in die Gebärmutter zurückgesetzt werden dürfen – in Deutschland dürfen es höchstens drei pro Zyklus sein.
  • Narkoserisiken
  • Operationsrisiken wie Gewebeverletzungen
  • mögliche Erkrankungen des Samenspenders

Risiken können zudem für die Eizellspenderin bestehen, da sie sich einer hormonellen Stimulation und einem Eingriff zur Entnahme der Eizellen aussetzt. Eine Leihmutterschaft ist mit den Risiken von Schwangerschaft und Geburt und der möglichen schwierigen Trennung nach der Entbindung verbunden.

Abgesehen von den medizinischen Risiken sollten auch die rechtlichen Risiken einer künstlichen Befruchtung im Ausland überdacht werden – beispielsweise die Gültigkeit von Verträgen bei einer Leihmutterschaft. Es ist empfehlenswert, sich vorab von einem Anwalt*einer Anwältin juristisch beraten zu lassen.

Kosten für eine künstliche Befruchtung im Ausland

Ein weiterer Grund, warum sich Frauen im Ausland künstlich befruchten lassen: Die Behandlung sei günstiger. In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen mindestens 50 Prozent der Kosten. Zudem gibt es staatliche Förderungen, die sich je nach Bundesland unterscheiden können. Private Krankenversicherungen erstatten Behandlungen je nach Tarif gegebenenfalls bis zu 100 Prozent.

Bei Anwendungen im Ausland beteiligt sich die Kasse in der Regel nur dann an den Kosten, wenn die Methode auch in Deutschland zulässig und als sinnvoll angesehen ist. Vorab sollte sich unbedingt bei der jeweiligen Versicherung über alle Bedingungen und die Höhe der möglichen Kostenübernahme informiert werden.

Sind die Finanzierungsmöglichkeiten im eigenen Land ausgeschöpft, halten viele ungewollt kinderlose Menschen das Ausland für eine gute Alternative. „In einigen Fällen kann es sein, dass die Behandlungen in einem anderen Land günstiger sind – zum Beispiel aufgrund von preiswerteren Medikamenten. Dennoch sollte immer genau geprüft werden, um was für eine Art von Angebot es sich handelt“, sagt Kentenich. Ein genauer Blick auf eventuell „versteckte“ Mehrkosten ist empfehlenswert.

Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung im Ausland

„Seriöse Anbieter zu finden, ist nicht einfach“, weiß Thorn. „Paare sind damit oft auf sich alleine gestellt, ratlos und emotional unsicher.“ Kein Wunder: Bei der Vielzahl von Angeboten fällt es schwer, den Überblick zu behalten. „Ich kann diese All-inclusive-Angebote zwar nicht beurteilen, glaube aber generell, dass man Urlaub und Kinderwunschbehandlungen in einer medizinischen Einrichtung voneinander trennen sollte“, resümiert Kentenich. „Einen guten Anbieter erkennt man daran, dass er auf einen als Person und die Situation eingeht und nicht nur am Geldverdienen interessiert ist. Es ist wichtig, dass man sich vorab neutral beraten lässt, um dann selbst eine Entscheidung treffen zu können. Kinderwunschzentren sind dafür eine gute Anlaufstelle.“

Die Expert*innen des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland betreuen Betroffene vor, während und nach einer künstlichen Befruchtung. Dr. Petra Thorn und viele andere qualifizierte Berater*innen stehen Wunscheltern auch bei der Trauerbewältigung zur Seite: „Sollten Paare sich irgendwann vielleicht doch von ihrem Kinderwunsch verabschieden müssen, entwickeln wir mit ihnen einen Plan B – für ein erfülltes Leben ohne Kind.“

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