Suchen Menü

Vater, Mutter, Kind - fertig? Warum viele Paare Einzelkinder haben

Autor: Miriam Funk, Medizinredakteurin | 9monate.de
Letzte Aktualisierung: 14. März 2017

Eine Studie zeigt: Kinder machen nicht nur glücklich. Nach der Geburt des ersten Kindes fühlen sich viele Eltern unglücklicher als vorher. Das wäre eine Erklärung, warum viele ihren ursprünglichen Wunsch nach zwei Kindern nicht umsetzen.

einkindfamilie.jpg
Eltern, die im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes deutlich unzufriedener waren, belassen es oft bei einem Kind
© iStock.com/fotostorm

Bei Eltern, die mit ihrem Leben unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes unzufriedener werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch ein zweites Kind bekommen. Dies belegte eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock im vergangenen Jahr erstmals für Deutschland. Der Effekt ist besonders stark bei älteren und gebildeteren Müttern und Vätern.

Die Analyse rührt - ebenso wie das vor kurzem in den Medien angesprochene Regretting Motherhood - an einem Tabu: Es wird öffentlich selten darüber gesprochen, dass Eltern durch die Geburt ihres ersten Kindes zumindest zunächst unglücklicher werden. Dabei zeigt die Studie, dass die Zufriedenheit im Jahr nach der Geburt des ersten Kindes sogar noch stärker sinkt als etwa durch Arbeitslosigkeit, Scheidung oder den Tod des Partners.

Das berichtet Mikko Myrskylä, Demograf und neuer Direktor des MPIDR,  zusammen mit Rachel Margolis vom Institut für Soziologie an der University of Western Ontario jetzt im Wissenschaftsjournal „Demography“.

„Die Erfahrung der Eltern während und nach der ersten Geburt bestimmen mit, wie groß die Familie am Ende wird“, sagt Mikko Myrskylä. „Politiker, die sich Sorgen um niedrige Geburtenraten machen, sollten darauf achten, dass es den jungen Eltern schon beim ersten Kind gut geht – und zwar rund um die Geburt und danach.“

Kinder bedeuten im ersten Jahr nicht nur Glück

Um untersuchen zu können, wie das erste Kind das Lebensgefühl der Eltern beeinträchtigt, nutzen die Forscher deren Selbsteinschätzung aus der Langzeitstudie „Sozio-oekonomisches Panel“ (SOEP). Jedes Jahr bewerteten die etwa 20.000 Teilnehmer der Erhebung ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von null bis zehn (maximal zufrieden).

Im Durchschnitt gaben Mütter und Väter an, im ersten Jahr ihrer Elternschaft um 1,4 Einheiten weniger glücklicher zu sein als während der zwei Jahre davor. Nur knapp 30 Prozent der Studienteilnehmer beschrieben gar keinen Verlust an Zufriedenheit. Über ein Drittel empfindet sogar ein Minus von zwei oder mehr Glücks-Einheiten. Das ist vergleichsweise viel: Durch Arbeitslosigkeit oder den Tod des Partners geht die Zufriedenheit gemäß internationalen Studien im Mittel nur um etwa eine Einheit auf derselben Glücks-Skala zurück, durch Scheidung sogar nur um 0,6 Einheiten.

MPIDR.png
Je stärker die Erfahrungen nach der ersten Geburt die Zufriedenheit eines Paares beeinflussten, um so weniger wahrscheinlich war es, dass es im Lauf der Zeit weitere Kinder bekam. Die Eltern gaben ihr empfundenes Lebensglück auf einer Skala in Einheiten von null bis zehn an (Daten: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP))
(c) MPIDR

Die Berechnungen von Myrskylä und Margolis zeigen, wie sehr die Erfahrungen mit dem ersten Kind die Chancen auf ein zweites beeinflussen: Von 100 Eltern, die ein Minus von drei oder mehr Glücks-Einheiten beschrieben, bekamen nur 58 innerhalb von zehn Jahren ein zweites Kind. Empfanden die Eltern nach Geburt des ersten Kindes dagegen keine Beeinträchtigung, gab es bei 66 von hundert Müttern und Vätern Geschwister für das Erstgeborene. Der Anteil von Familien mit vier oder mehr Mitgliedern war also ohne Zufriedenheits-Verlust um fast 14 Prozent größer. Die Einflüsse von Einkommen, Ehestatus oder Geburtsort wurden aus diesen Ergebnissen bereits herausgerechnet.

Idealvorstellung von Familie korrigieren - und bei einem Kind bleiben?

Besonders stark lassen sich Frauen und Männer bei der Entscheidung für weitere Kinder von ihrer Zufriedenheit beeinflussen, wenn sie mit 30 Jahren oder später Eltern wurden, und wenn sie mindestens zwölf Jahre Ausbildung hinter sich hatten. Das Geschlecht spielt dagegen keine Rolle, wie die statistische Analyse zeigt. „Beide Eltern haben gelernt, was es heißt, ein Kind zu haben“, sagt Mikko Myrskylä. „Die älteren und gebildeteren könnten besonders gut in der Lage zu sein, ihre Familienplanung im Fall schlechter Erfahrungen noch zu ändern.“

Am Ende doch nur ein Kind

Was konkret die Zufriedenheit der meisten frischgebackenen Eltern sinken lässt, untersucht die Studie von Myrskylä und Margolis nicht. „Generell beklagen junge Eltern zunächst häufig Schlafmangel, Schwierigkeiten in der Partnerschaft und den Verlust von Freiheit und Kontrolle über ihr Leben“, sagt Mikko Myrskylä. Dabei spiele auch die weiterhin schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Rolle. Ebenfalls wichtig könnten Erfahrungen direkt bei der Entbindung sein, etwa eine sehr lange und besonders schmerzvolle Geburt.

Dennoch: Zwei Kinder wirken sich positiv auf Lebensglück aus

Die unmittelbaren Glücks-Einbußen im ersten Elternjahr müssen allerdings relativiert werden. Denn bis direkt vor der Geburt steigt die Vorfreude, und damit die angegebene Zufriedenheit, deutlich über das langjährige Niveau an. „Trotz der Unzufriedenheit nach dem ersten Kind wirken sich bis zu zwei Kinder insgesamt und langfristig eher positiv auf das Lebensglück aus“, sagt Myrskylä.

Die Forschungsergebnisse helfen, einen inzwischen schon lange andauernden Widerspruch zu erklären: Immer noch wünschen sich die meisten Deutschen zwei Kinder. Tatsächlich liegt die Zahl der Geburten pro Frau aber seit 40 Jahren unter 1,5. Während als Ursache häufig der steigende Anteil von Kinderlosen diskutiert wird, wird vernachlässigt, dass immer häufiger zwar ein erstes Kind kommt – dann aber nicht mehr das ursprünglich gewollte zweite: Lag der Anteil an Einkind-familien noch bei 25 Prozent für Mütter, die Ende der 1930er-Jahre geboren wurden, hat er für die jetzt etwa 45-jährigen Mütter der späten 1960er-Jahrgänge schon 32 Prozent erreicht. Zum Vergleich: In England und Wales liegt der Anteil für die späten 1960er-Jahrgänge nur bei 21 Prozent.

Daten über ein Tabuthema

Forschung zum elterlichen Kinderglück ist bisher selten, da die meisten Eltern negative Gefühle im Zusammenleben mit ihrem Kind nicht offen zugeben würden. Darum werteten die Forscher aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) Antworten der Eltern auf eine Frage nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit aus, die ganz ohne Zusammenhang zu den Kindern gestellt wird. Die Verbindung zur ersten Geburt entsteht erst im Zeitvergleich der Antworten. Denn das SOEP erfasst für dieselben Personen nicht nur die Glücksfrage jedes Jahr wieder, sondern auch wichtige Veränderungen im Leben, wie etwa die Geburt von Kindern.

Autor: Miriam Funk, Medizinredakteurin | 9monate.de
Letzte Aktualisierung: 14. März 2017
Quellen
Beiträge im Forum "Forum für Großfamilien"
Neuste Artikel in dieser Rubrik
Finanzielle Hilfe für Alleinerziehende

Finanzielle Hilfe für Alleinerziehende: Wenn der andere Elternteil keinen oder zu wenig Unterhalt zahlt, springt der Staat ein. Mehr...

Finanzielle Unterstützung für Erziehende

Sind Eltern getrennt, leistet einer in der Regel finanziellen Unterhalt für das Kind, wenn es nicht bei ihm lebt. Alles über Höhe, Berechnung & Voraussetzungen. Mehr...

Vielfältige Hilfen

Herausfordernd aber nicht unmöglich: Studieren mit Kind ist heute dank zahlreicher Unterstützungen gut zu bewältigen. Hier erfahren Sie alles über die wichtigsten Hilfen für studentische Eltern. Mehr...

Mit der Teilnahme an unseren interaktiven Gewinnspielen sichern Sie sich hochwertige Preise für sich und Ihre Liebsten!

Jetzt gewinnen

Nutze unsere Zyklus-App inklusive Eisprungkalender und Temperaturkurve (Android & iOS) bei Kinderwunsch.

Mehr zur App
Weitere interessante Themen
  • Erziehungsgeld Bayern

    In Bayern können Eltern für ihre Kinder Erziehungsgeld (Landeserziehungsgeld) beziehen. Voraussetzung ist unter anderem, dass sie nicht voll erwerbstätig sind. Mehr...

  • Elterngeld Nordrhein-Westfalen

    Elterngeldstellen bei den kreisfreien Städten und Kreisen sind in Nordrhein-Westfalen für das Elterngeld zuständig. Wir helfen Ihnen, die zuständige zu finden. Mehr...