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Aggressives Verhalten bei Kindern

Autor: Viola Booth
Letzte Aktualisierung: 10. Januar 2018

Wenn das Kind dem Bruder ein Spielzeug an den Kopf haut, der Katze am Schwanz zieht, den Vater tritt oder der Mutter in den Arm beißt, sind Eltern oft geschockt. Ist dieses aggressive Verhalten bei Kindern normal? Wir haben bei einem Experten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) nachgefragt.

Aggressives Verhalten bei Kindern
Aggressives Verhalten bei Kindern gehört zur kindlichen Entwicklung - Probleme treten auf, wenn Konflikte den Alltag beherrschen
(c) iStockphoto/WILLSIE

Ob gegenüber Gleichaltrigen oder gegenüber den Eltern – aggressives Verhalten bei Kindern kommt im Kleinkindalter häufig vor. Nur, weil sich der Sohn auf dem Spielplatz rauft oder die Tochter ihrer Freundin an den Haaren zieht, besteht deshalb aber nicht automatisch Grund zur Sorge. „Aggressivität liegt in der menschlichen Natur“, erklärt Prof. Dr. med. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. „Bei jedem Kind kommt diese Seite irgendwann einmal zum Vorschein – bei manchen mehr und bei manchen weniger stark ausgeprägt.“

Ursachen für aggressives Verhalten bei Kindern

Wenn gebissen, gehauen und geschubst wird, fragen sich Eltern, was mit ihrem Kind los ist. Wo kommt dieses aggressive Verhalten her? „Viele Faktoren können dafür verantwortlich sein“, sagt der Experte. In der Regel legen Kinder dieses Verhalten an den Tag, weil sie im Kindergartenalter noch nicht wissen, wie sie ihre Gefühle auf eine andere, gemäßigte Art und Weise ausdrücken können. Sie müssen den Umgang mit Wut und Aggression erst lernen. „Phasen, in denen Kinder sich aggressiv verhalten, sind ein normaler Bestandteil des kindlichen Entwicklungsprozesses“, bestätigt Romanos.

Welchen Anteil die elterliche Erziehung am aggressivem Verhalten der Kinder trägt, lässt sich nicht pauschal festlegen. Allerdings zeigen Studien, dass eine gewalthafte Erziehung, in der Zurückweisungen und Bestrafungen an der Tagesordnung sind, ein solches Verhalten begünstigen. Einige Studien stellen auch den Zusammenhang aggressiven Verhaltens mit dem Konsum gewalttätiger Medieninhalte her. Es zeigte sich, dass dieser in Kombination mit anderen sozialen Faktoren ein potenzieller Auslöser sein kann.

Romanos stellt außerdem klar: „Es muss unterschieden werden, in welchem Alter und in welcher Ausprägung die Aggressivität stattfindet. Von der individuellen Veranlagung bis zur Lernerfahrung kommt ein ganzes Spektrum von Gründen dafür in Betracht.“ Ein Kleinkind, das einer Katze am Schwanz zerrt, möchte zum Beispiel aus Neugierde herausfinden, was passiert. Ihm muss erklärt werden, warum es so mit Tieren nicht umgehen darf. Andere Kinder sind aggressiv, weil sie frustriert oder überfordert sind, ihren Willen nicht bekommen und versuchen, damit ihre Interessen durchzusetzen.

Auch das angeborene Temperament spielt eine Rolle: „Manche Wesen sind impulsiver und können ihre Emotionen schwerer kontrollieren“, sagt Romanos. Aber selbst für Hitzköpfe gilt: Mit zunehmendem Alter lernen sie, ihre Wut anders auszudrücken. Dies lässt sich sogar neurologisch erklären, wie der Experte weiß: „Das Vorderhirn des Menschen braucht länger, um sich zu entwickeln. Deshalb haben Kinder ihre Impulse schlechter unter Kontrolle als Erwachsene. Je weiter fortgeschritten die neurologische Entwicklung ist, desto öfter denken Kinder erst nach, bevor sie handeln.“

Warnsignale von aggressivem Verhalten erkennen

Für Eltern ist es wichtig zu beobachten, wann das aggressive Verhalten noch normal ist und wann es übermäßig wird. „Ein gelegentlicher Konflikt ist keine Katastrophe“, beruhigt Romanos. Wenn es allerdings jeden Tag mehrmals zu aggressivem Verhalten kommt, der Alltag vorherrschend von Konflikten geprägt ist und dadurch ein ernsthafter Schaden für das Kind und seine Umwelt entsteht, ist dies ein deutliches Warnsignal.

„Oft beginnen solche Probleme in der Familie und werden dann in die Außenwelt getragen. Wenn der Kindergarten- oder der Schulbesuch in Gefahr ist und gemeinsames Spielen mit anderen nicht mehr möglich, können sich Eltern an eine Erziehungsberatungsstelle wenden.“ Da eventuell auch eine Verhaltensstörung wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) dahinterstecken könnte, sollte ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Diagnose stellen, um entsprechende therapeutische Hilfen zu erhalten. Beim Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP) können Sie online nach einer Praxis oder einer Klinikabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie suchen: www.kinderpsychiater.org.

Aggressives Verhalten im Grundschulalter

Aus einer Befragung des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS, Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) geht hervor, dass von rund 17.000 Kindern 7,9 Prozent auch in der Altersgruppe zwischen sieben und zehn Jahren noch aggressives Verhalten zeigen, in der Gruppe der Elf- bis 13-Jährigen waren es 7,5 Prozent. Romanos erklärt: „Es gibt keine abgeschlossene Phase, in der aggressives Verhalten bei Kindern auftreten kann. Das kommt in allen Lebenssituationen vor.“ Gerade im Grundschulalter entstehen häufiger Konflikte, wenn es um die Einhaltung vereinbarter Regeln geht.

Was können Eltern bei aggressivem Verhalten ihrer Kinder tun?

Bei Kindern mit ausgeprägt aggressivem Verhalten ist meist auch das Familienklima beeinträchtigt. Es herrscht ein rauer Ton und es gibt viel Kritik, aber wenig Lob für das Kind. Hier gilt: Frühzeitig handeln und endlich wieder mehr positive Zeit miteinander verbringen.

„Der Königsweg ist die sogenannte ‚Positive Verstärkung’. Das bedeutet, Eltern belohnen das positive Verhalten ihrer Kinder“, empfiehlt der Klinikdirektor. Ein Beispiel: Beim Brettspielen gelingt es dem Kind, nicht wütend zu werden. Dafür sollen die Eltern es explizit loben. Regt sich das Kind so auf, dass es um sich schlägt, kommen auch negative Konsequenzen in Betracht, zum Beispiel eine kurze Auszeit im Zimmer. Wenn es zum Spielen zurückkeht und die Partie wird ohne erneute Aggressivität beendet, sollten Eltern das Kind erneut loben: „Ich freue mich, dass wir weiterspielen konnten, obwohl es vorher Streit gab. Das hast du sehr gut gemacht.“

Tipps bei aggressivem Verhalten von Kindern

  • Vorbild sein: Aggressives Verhalten in der Familie kann zu Aggressionen bei Kindern führen.
  • Nie gewalttätig werden: Das verstärkt das negative Verhalten und führt zu emotionalen Schäden.
  • Regeln vereinbaren: Eltern müssen Regeln aufstellen und sich darüber Gedanken machen, wie sie diese durchsetzen wollen. Sie sollten gemeinsam mit dem Kind festlegen, was erlaubt ist und was nicht (zum Beispiel: Schlagen ist verboten) und was passiert, wenn diese Regeln nicht eingehalten werden.
  • Adäquate Konsequenzen ziehen: Sanktionen sollten der Situation angemessen, vorher vereinbart und nicht wahllos sein.
  • Keine langen Reden: Kinder lernen dadurch nicht. Sie brauchen klare Regeln und eine für sie verständliche Kommunikation. Also besser „Halt! Es geht nicht, dass du schlägst“ sagen als einen großen Vortrag halten.
  • Lob als positive Verstärkung: Eltern sollten dieses wichtige Instrument der Kindererziehung nutzen.

Erste Hilfe für Eltern

Aggressives Verhalten kündigt sich meist schon im Voraus niederschwellig an, bevor es ausbricht. Dennoch kommt das Beißen oder Schlagen für Eltern überraschend. Sie müssen lernen, in diesen Situationen ruhig zu bleiben und ein eigenes Ventil finden, um stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Im Zweifelsfall lieber den Raum verlassen und durchatmen, statt selbst impulsiv oder gar aggressiv zu werden. Auch Eltern haben die Möglichkeit, sich diesbezüglich beraten und schulen zu lassen.

Autor: Viola Booth
Letzte Aktualisierung: 10. Januar 2018
Quellen
Beiträge im Forum "Forum für Großfamilien"
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