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Babyklappen in Deutschland

Autor: Ruth Sharp, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 03. Dezember 2014

Ungewollt schwanger, und keiner soll es wissen – eine Situation, in die auch in unserer aufgeklärten Zeit immer mal wieder Frauen und Mädchen kommen. Babyklappen oder die "anonyme Geburt" soll Betroffenen die Chance geben, ihr heimlich zur Welt gebrachtes Kind unerkannt in fremde Obhut zu geben.

Babyklappen in Deutschland
Babyklappe als Ausweg?
© iStock.com/canhote

Schwanger – für viele Frauen ist das eine freudige Botschaft, für manche jedoch eine Schreckensnachricht. Nicht für jede ungewollt Schwangere kommt eine Abtreibung in Frage, manche bemerken die Schwangerschaft auch zu spät. Oft ist es der Druck aus dem sozialen Umfeld, der die Betroffenen dazu bringt, ihren Zustand geheim zu halten, zu verdrängen oder zu ignorieren. Ist das Kind dann heimlich zur Welt gebracht, drohen Kurzschlusshandlungen wie das Aussetzen oder gar Töten des Neugeborenen.  Deshalb gibt es seit einigen Jahren Babyklappen.

Bis zu 32 getötete Neugeborene jährlich in Deutschland

Eine offizielle Statistik zum Neonatizid, so der Fachausdruck für die Tötung eines Neugeborenen, gibt es in Deutschland nicht. Die Kinderhilfsorganisation terre des hommes ermittelt seit 1999 jedoch jährlich die Zahlen lebend aufgefundener, ausgesetzter und getöteter Neugeborener auf der Basis von Medienauswertungen. Demnach wurden von 1999 bis 2011 jährlich zwischen zwei und 14 ausgesetzte Babys in Deutschland noch lebend aufgefunden, bis zu 32 Neugeborene im Jahr werden tot aufgefunden.

Erste Babyklappe in Hamburg seit 2000

Um verzweifelten Müttern, die heimlich entbunden haben und sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind zu behalten, eine Möglichkeit zu geben, das Neugeborene unerkannt abzugeben, hat Hamburg im Jahr 2000 die bundesweit erste Babyklappe eingerichtet. Inzwischen gibt es bundesweit rund 80 dieser Einrichtungen. Dabei handelt es sich um eine Klappe beziehungsweise ein Fenster aus Metall oder Glas, das durch einen einfachen Mechanismus von außen zu öffnen ist. Dahinter befindet sich eine gepolsterte Ablage, beheizt mit einer Wärmelampe oder Wärmedecke, worauf das Neugeborene gelegt werden kann. Damit die Mutter sich unerkannt entfernen kann, wird das betreuende Personal erst mit Zeitverzögerung alarmiert.

Alternativ dazu gibt es auch das Angebot der anonymen Abgabe, das aber weit weniger bekannt und genutzt wird als die Babyklappe. Dabei vereinbart die Kindsmutter telefonisch mit dem Anbieter dieser Option – zum Beispiel eine Beratungsstelle oder Klinik, einen Übergabeort und -zeitpunkt.

Möglichkeit der anonymen Geburt

Eine weitere Möglichkeit, anonym ein Kind zu gebären und in fremde Obhut zu geben, ist die anonyme Geburt. Dabei werden keine Daten der Gebärenden erhoben, für die Krankenakte wird ein Pseudonym verwendet. Vorteil hierbei ist, dass die Geburt unter ärztlicher Obhut stattfindet und die Frau so betreut wird - vor allem bei Komplikationen. Allerdings setzt die anonyme Geburt in der Regel die Kooperation zwischen einer Beratungsstelle und einem Krankenhaus voraus, und vor der Entbindung muss eine Beratung stattgefunden haben.

Zweifel an Babyklappen und anonymer Geburt

Die Angebote zur anonymen Kindsabgabe beziehungsweise Geburt werden genutzt, jedoch wird immer wieder angezweifelt, dass sich dadurch die Zahl der Kindstötungen und Aussetzungen reduzieren lässt. Die von terre des hommes erhobenen Zahlen untermauern dies. Sie belegen Schwankungen dieser tragischen Fälle, die offenbar unabhängig von den Angeboten Babyklappe oder anonyme Geburt sind. Demnach waren 1999, also im Jahr vor Einführung erster Babyklappen, insgesamt 21 Neugeborene tot aufgefunden worden, 2012 waren es 27.

"Zwar gibt es aktuell noch immer etwa 80 Klappen und eine noch höhere Zahl von Kliniken für die anonyme Geburt. Doch die Zahl der Neonatizide und Lebendaussetzungen ist seit 1999 nicht zurückgegangen, auch nicht in Städten wie Hamburg, Berlin oder Köln, wo es gleich mehrere dieser Einrichtungen gibt", heißt es in einer Stellungnahme auf der Website der Organisation.

Die Tötung eines Neugeborenen folge einer anderen Psychodynamik als die geplante Aussetzung eines Kindes in der Klappe oder seine anonyme Geburt in einer Klinik, heißt es dazu erklärend. "Mütter, die ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt töten oder sterben lassen, befinden sich in der Regel in einem psychischen Ausnahmezustand, der es ihnen unmöglich macht, planend, ziel- und zweckgerichtet zu handeln. Diesen Müttern ist mit Babyklappen und Angeboten der anonymen Geburt nicht zu helfen", so das Fazit der Kinderhilfsorganisation.

Stattdessen steigt die Zahl der Kinder, die anonym entbunden oder abgegeben werden und nie erfahren, wer ihre Eltern waren. Das Deutsche Jugendinstitut hatte alle Träger von Einrichtungen zur anonymen Geburt oder Neugeborenenabgabe um Zahlen der Inanspruchnahme gebeten. 79 Prozent antworteten und nannten insgesamt 973 Kinder, die bis zum Stichtag 30. Mai 2010 anonym geboren oder übergeben worden waren, wenn auch zwei Drittel der Mütter ihre Anonymität später doch aufgaben.

Babyklappen verletzten Recht des Kindes

Kritiker wie terre des hommes betrachten Konzepte der anonymen Geburt oder Babyklappe als gescheitert an und sehen das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung verletzt. Die Familienministerin Kristina Schröder plante zwischenzeitlich, die anonyme Geburt durch die vertrauliche Geburt zu ersetzen, bei der die Mutter ihre Personalien angeben muss. Babyklappen sollten nur noch mit Auflagen weiter betrieben werden dürfen.

Idee eines neuen Modells: vertrauliche Geburt

Davon will die Bundesregierung jetzt jedoch absehen. Sie stellt den jetzigen Modellen jedoch das Alternativkonzept der vertraulichen Geburt gegenüber, die jetzt per Gesetz auf legale Füße gestellt werden soll. Im Gegensatz dazu gab es für die bisherigen Modelle keine rechtlichen Regelungen. Diese Modelle sollen überflüssig werden, hofft die Bundesregierung.

Bei der vertraulichen Geburt werden die persönlichen Daten nur vorübergehend versiegelt bleiben. Sie werden in einem Umschlag hinterlegt, der mit einem Pseudonym versehen ist. Im Alter von 16 Jahren soll den "vertraulich" geborenen Kindern Einsicht in den Umschlag gewährt werden. Verhindern wird die leibliche Mutter dies dann nur in Ausnahmefällen können.

Autor: Ruth Sharp, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 03. Dezember 2014
Quellen
Beiträge im Forum "Geburtstermin Juli/August 2018"
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