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Wie schlimm ist eine Ohrfeige oder ein Klaps auf den Po?

Wie schlimm ist eine Ohrfeige oder ein Klaps auf den Po?
Eltern sollten sich für Stresssituationen eine gewaltfreie Strategie überlegen
(c) iStockphoto/Choreograph

Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Aber was ist, wenn Eltern die Hand doch einmal ausrutscht? Ist das unverzeihlich und unentschuldbar? Wir haben bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) nachgefragt. Ein Gespräch mit zwei Experten.

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Prof. Dr. Jörg M. Fegert
(c) DGKJP

Erst seit Ende 2000 ist in Deutschland durch eine Neufassung der gesetzlichen Regelung jede Form von Gewalt in der Erziehung untersagt und das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. 16 Jahre später zieht der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Bilanz: Mit einer repräsentativen Befragung in der deutschen Bevölkerung wurde jetzt die Einstellung zu körperlicher Bestrafung in der Erziehung untersucht. Das Ergebnis: Im Vergleich zu einer Datenerhebung, die im Jahre 2005 im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz durchgeführt wurde, zeigt sich heute eine deutliche Reduktion von Körperstrafen. 2005 hielten 53,7 Prozent der Befragten eine leichte Ohrfeige für ein angebrachtes Erziehungsmittel. 2016 sind es zwar deutlich weniger, aber immer noch 17 Prozent.

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Prof. Dr. med. Marcel Romanos
(c) DGKJP

Welche Folgen Bestrafungen wie Ohrfeige oder Klaps auf den Hintern für Kinder haben, wollten wir von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) wissen. Ein Interview mit Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor und Gründer der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm, und Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg.

Ob Ohrfeige oder Klaps auf den Po: Aus welchen Gründen rutscht manchen Eltern heute immer noch die Hand aus?

Romanos: Viele Eltern wissen heutzutage, dass sie ihre Kinder nicht schlagen dürfen und verstehen, dass gewaltfreie Erziehungder Kindererziehung ist. Die Erziehung von Kindern ist ganz objektiv manchmal anstrengend und eine Herausforderung. Wenn Eltern Gewalt anwenden, dann oft aus einer Überforderungssituation heraus. Eine Ohrfeige kann aus einem Impuls erfolgen, ohne dass Eltern darüber nachdenken konnten. In anderen Situationen, in denen Kinder nicht folgen oder sich schwierig verhalten, mangelt es bei den Eltern an alternativen gewaltfreien Erziehungskompetenzen. Eltern, die ihre Kinder ohrfeigen, wissen oft keinen anderen Ausweg, wie sie dem Kind Grenzen aufzeigen können. Alkohol oder andere situative Umstände können die Schwelle zur Gewaltanwendung senken.

Welche rechtlichen Folgen können ohrfeigenden Eltern drohen?

Fegert: Eltern machen sich nach § 223 StGB (Strafgesetzbuch; Anmerkung der Redaktion) wegen Körperverletzung strafbar. Insbesondere sind Ohrfeigen oder ähnliche körperliche Misshandlungen nicht mehr durch das elterliche Erziehungsrecht gerechtfertigt, was in der Rechtsprechung früher vertreten wurde. Denn § 1631 Abs.2 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch; Anmerkung der Redaktion) normiert nunmehr ausdrücklich das Verbot körperlicher Bestrafungen, seelischer Verletzungen und anderer entwürdigender Maßnahmen.

Welche seelischen Folgen kann eine Ohrfeige für Kinder haben?

Romanos: Jede Form von Gewalt kann Auswirkungen auf die Psyche haben. Ob es aber zu einer dauerhaften seelischen Beeinträchtigung kommt, ist immer auch von der Intensität und vom Einzelfall abhängig. Grundsätzlich zeigen aber Längsschnitt-Studien eindeutig, dass Kindesmisshandlung das Risiko für spätere psychische Erkrankungen deutlich erhöht. 

Gibt es in Bezug auf die psychischen Schäden einen Unterschied zwischen einer Ohrfeige und einem Klaps auf den Hinterkopf oder den Po?

Fegert: Hier gibt es große individuelle Unterschiede. Wiederholte und chronische Misshandlungen haben hierbei eine größere negative Wirkung als einmalige „Ausrutscher“ von geringer Intensität. Kinder, die körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, erleben häufig auch andere Formen der Gewalt, wie sexuellen Missbrauch oder seelische Kindesmisshandlung. Insofern ist es wesentlicher zu fragen, was hinter einem einzelnen Vorfall noch stehen kann, als dessen Effekt bewerten zu wollen.

Welche seelischen Konsequenzen können „emotionale“ Bestrafungen wie das Ignorieren oder Niederbrüllen haben?

Romanos: Laut zu werden sollte man zwar vermeiden. Allerdings kann man nicht automatisch von einem Fehlverhalten sprechen, wenn Eltern laut werden. Zumal dies sehr von der jeweiligen Situation abhängig ist. Auch hier gilt es zu hinterfragen: Handelt es sich um ein durchgängiges Muster von Kindesmisshandlung oder ist es eine normale Erziehungssituation, in der ein Fehlverhalten eines Kindes von den Eltern adäquat sanktioniert wird?

Ist ein Ohrfeigen-Ausrutscher unentschuldbar? Wurde das Kind durch dieses einmalige Erlebnis bereits traumatisiert?

Fegert: Auch Eltern sind nur Menschen und sie machen Fehler. Einmalige „Ausrutscher“ mag das Kind schnell vergessen. Eine Traumatisierung durch eine einzelne Ohrfeige ist doch eher unwahrscheinlich. Jedoch ist und bleibt es trotz allem eine strafbare Körperverletzung.

Wie sollten sich Eltern dem Kind gegenüber verhalten, falls es doch einmal passiert ist?

Fegert: Oft haben Eltern, denen das erste Mal „die Hand ausrutscht“ ein schlechtes Gewissen. Wesentlich ist, dass sie es schaffen, ihre Fehler den Kindern einzugestehen und sich zu entschuldigen, wenn sie sich falsch verhalten haben. Kinder können im Positiven wie Negativen viel am Vorbild ihrer Eltern lernen.

Wie können Eltern ihren Kindern Grenzen gewaltfrei aufzeigen?

Romanos: Erziehung ist auch für Eltern ein schwieriger Prozess. Sie müssen lernen konsequent zu sein. Ein unangemessenes Verhalten muss eine logische Konsequenz nach sich ziehen und nicht eine willkürliche Strafe. Dazu gibt es viele Ratgeber und Programme. Eine erste Anlaufstelle können beispielsweise Erziehungsberatungsstellen sein.

Kein Fernsehen. Keine Süßigkeiten. Ab aufs Zimmer. Sind Bestrafungen dieser Art in der Erziehung sinnvoll?

Romanos: In den Familien sind solche Bestrafungen oft präsent. Es ist bekannt, dass es effektiver ist, problematisches Verhalten durch positive Verstärkung, also Belohnungen, zu beeinflussen. Dennoch wird keine Familie ganz ohne Bestrafung oder negative Konsequenzen auskommen. Hierbei bietet es sich an, dass die Konsequenzen für das Kind logisch nachvollziehbar und zeitlich nah sind. Es macht also keinen Sinn im Sommer damit zu drohen, dass die Weihnachtsgeschenke gestrichen werden. Auszeiten oder Time-outs werden ebenfalls häufig angewandt – allerdings oft auch unsachgemäß. Dazu sollte, wenn erforderlich, professionell angeleitet werden, da solche Maßnahmen viel pädagogisches und therapeutisches Vorwissen erfordern.

Was können Eltern in Stresssituationen vorbeugend tun, um zu verhindern, dass die Hand ausrutscht?

Fegert: Ruhe bewahren muss hier oberstes Ziel sein. Manchmal reicht es schon ein paar Mal ruhig durchzuatmen. Wenn es Eltern schaffen, sich vorher eine Strategie zu überlegen, kann es besser gelingen gelassen zu bleiben.

Welche Hilfe können Eltern in Anspruch nehmen, wenn sie das Gefühl haben die Kontrolle zu verlieren?

Romanos: Eltern können sich jederzeit an das zuständige Jugendamt oder an Erziehungsberatungsstellen wenden.

Wie sollte man sich als Außenstehender verhalten, wenn man beobachtet, dass ein fremdes Kind geohrfeigt wird?

Fegert: Sprechen Sie die Familie an. Bleiben Sie dabei sachlich und ruhig. Sagen Sie den Eltern, dass ihr Verhalten falsch war. Zeigen Sie dem Kind dadurch, dass es nicht allein ist und dass es nicht richtig war, dass es geohrfeigt wurde. Motivieren Sie die Familie, sich Unterstützung und Hilfe zu holen. Ob die Polizei hinzugezogen werden muss oder das Jugendamt benachrichtigt wird, ist sicherlich situationsabhängig. Beobachtet man wiederholt Körperverletzungen, muss man definitiv reagieren und sich an Polizei und/oder Jugendamt wenden.

Das Interview führte Viola Booth.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 03. März 2017
Quellen: Fegert, J. M., Plener, P. L. Rodens, K. P.: „Ein Klaps auf den Hintern hat noch niemandem geschadet“: Einstellungen zu Körperstrafen und Erziehung in der deutschen Allgemeinbevölkerung. Abrufbar unter http://www.stiftung-kind-und-jugend.de/aktuelles-presse/ (Abruf: 20.09.2016)

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