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Freitag, 21. Juli 2017
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Pflegekind aufnehmen

Pflegekind aufnehmen
Prinzipiell kann jede Familie ein Pflegekind aufnehmen und ihm ein stabiles Umfeld bieten
(c) iStockphoto

Sie möchten ein Pflegekind aufnehmen und wollen wissen, welche Voraussetzungen Sie dafür erfüllen müssen? Wir informieren Sie: So geben Sie Kindern ein zweites Zuhause.

Generell kann jeder Erwachsene ein Pflegekind aufnehmen – unabhängig von Nationalität, Konfession, Geschlecht und Familienstand. Das heißt: Ob verheiratet, Einzelperson oder Paar – Sie können eine Pflegefamilie werden. Auch Verwandte haben die Möglichkeit, sich als Pflegeeltern um ein Kind zu kümmern.

Pflegekind – was heißt das eigentlich?

Kinder oder Jugendliche, die für eine befristete Zeit oder auf Dauer nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern bei anderen Erwachsenen leben, werden als Pflegekinder bezeichnet. Ist die Versorgung des Kindes durch die eigene Familie nicht sichergestellt, kann das Jugendamt diesen Vorschlag machen. Die leiblichen Eltern erklären sich dazu bereit, das Kind in einer Pflegefamilie unterzubringen. Es gibt auch Eltern, die sich überfordert fühlen und daher selbst den Wunsch äußern, Hilfe in Form einer Pflegefamilie in Anspruch nehmen zu wollen. In andern Fällen wurde das Sorgerecht durch eine familiengerichtliche Entscheidung entzogen.

Die unterschiedlichen Formen, um ein Pflegekind aufzunehmen

Es wird in zwei unterschiedliche Pflegeformen unterschieden:

Bereitschaftspflege: Hier wird das Kind aufgrund einer akuten Notsituation (z. B. Unterversorgung, Gewalt, Vernachlässigung, Suchtmittelabhängigkeit der Eltern) bei einer Pflegefamilie untergebracht. Es handelt sich dabei um eine Unterbringung auf kurze Zeit – in der Regel bis maximal drei Monate. In diesem Zeitraum sollen die Perspektiven für das Kind abgeklärt werden, um es danach entweder zurück zu seiner Herkunftsfamilie zu bringen oder eine geeignete Vollzeitpflegefamilie zu suchen. In dieser Übergangssituation wird durch die Pflege gewährleistet, dass das Kind sich in einem geschützten familiären Umfeld befindet.

Vollzeitpflege: Bei dieser Pflegeform wird das Kind auf lange Zeit in einer Pflegefamilie aufgenommen. Wenn die leiblichen Eltern die Versorgung des Kindes nicht sicherstellen können, bekommt es rund um die Uhr Hilfe von der Pflegefamilie. Es ist dort Tag und Nacht untergebracht, wird von den Pflegeeltern betreut und erzogen. Kinder sollen dadurch die Möglichkeit bekommen, in einer stabilen Familie aufzuwachsen. Diese Vollzeitpflege kann entweder innerhalb eines befristeten Zeitraums erfolgen oder eine dauerhafte Lebensweise für das Kind darstellen.

Pflegekind aufnehmen: Welchen familiären Hintergrund haben die Kinder?

Pflegekinder kommen aus Familien, die aus verschiedensten Gründen nicht selbst für die Versorgung und Erziehung aufkommen können. Häufig sind Alkohol- und Drogensucht, psychische Erkrankungen oder Überforderung Gründe dafür. Die leiblichen Eltern der Kinder haben oft in ihrer eigenen Kindheit schon Traumatisches erlebt. Die Kinder kommen daher aus einem Umfeld, in dem sie großen Belastungen ausgesetzt waren. Trotzdem ist die Fremdpflege für die Herkunftsfamilie und die Kinder nicht leicht. Unabhängig von den Bedingungen ist es emotional eine schwierige Situation.

Pflegekind aufnehmen: Welche Herausforderungen warten auf die Familie?

Wer darüber nachdenkt ein Pflegekind aufzunehmen, muss sich mit diesen besonderen Bedingungen auseinandersetzen. Kinder, die in Pflegefamilien kommen, sind oft verunsichert: „Bin ich schuld?“, „Bin ich schlecht oder böse?“, „Lieben meine Eltern mich nicht?“, „Warum bin ich hier? Ich möchte nicht bei Fremden sein!“ – all diese Fragen und Gedanken schwirren den Kindern im Kopf herum. Sie brauchen jetzt eine liebevolle Bezugsperson, die viel Geduld und Verständnis mitbringt.

Pflegeeltern werden: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Neben viel Einfühlungsvermögen für die emotionale Lage, der Belastbarkeit und der Flexibilität sollte eine potenzielle Pflegefamilie noch weitere persönliche Eigenschaften mitbringen. Zwar ist keine pädagogische Ausbildung zur Aufnahme eines Pflegekindes nötig, aber die Personen sollten Freude daran haben, mit Kindern zusammenzuleben  ihnen Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken. Auch Offenheit und Toleranz sind wichtige persönliche Eigenschaften. Die Eltern müssen sich auf die speziellen Bedürfnisse der Pflegekinder und die ungewöhnlichen Umstände einlassen und die Herkunftsfamilie als leibliche Eltern akzeptieren. Die Bereitschaft mit ihr zusammenzuarbeiten und den Kontakt und die Beziehung zu fördern, ist eine grundlegende Voraussetzung. Außerdem sollte die Pflegefamilie selbst über stabile persönliche Verhältnisse verfügen und genügend finanzielle Mittel – also ein gesichertes Einkommen – und ausreichend Wohnraum haben.

Pflegekind aufnehmen: Wie müssen Eltern sich bewerben?

Bei dem Wunsch ein Pflegekind aufzunehmen, sind die Jugendämter des eigenen Wohnortes die richtigen Ansprechpartner. In einem Eignungsfeststellungverfahren wird überprüft, ob die Interessenten alle Kriterien erfüllen. Diese Überprüfung läuft je nach Träger unterschiedlich ab. Allgemeine Informationen können erst einmal unverbindlich eingeholt werden. Im Bewerbungsverfahren werden dann mehrere Gespräche mit Fachkräften geführt und Bewerbungsunterlagen ausgefüllt. Neben den Formalitäten (z. B. Einreichung der Verdienstbescheinigung) spielen hier auch die Motive der Bewerber eine große Rolle. Die potenziellen Pflegeeltern werden zu Hause besucht und nehmen an speziellen Seminaren teil. Wenn die Eignung festgestellt wurde, lernen sie das Kind kennen. Erst dann wird gemeinsam entschieden, ob hier eine Pflege infrage kommt. Bewerber haben die Möglichkeit, den Vorschlag für die Pflege eines Kindes abzulehnen. Damit ein gutes Verhältnis entstehen kann, müssen sich die Bewerber die Pflege zutrauen und sich damit wohlfühlen. Während der Pflege stehen die Fachkräfte vom Jugendamt die ganze Zeit zur Beratung und Unterstützung zur Verfügung.

Gibt es für Pflegekinder finanzielle Unterstützung?

Das Jugendamt stellt den Unterhalt für das Pflegekind sicher und zahlt das Pflegegeld aus. Es umfasst materielle Aufwendungen, einen Erziehungsbetrag, Mietzuschuss und eine Nebenkostenpauschale. Die Höhe des Betrages ist nach Alter des Kindes gestaffelt. Pflegeeltern können darüberhinaus zusätzliche Beihilfen beantragen – zum Beispiel für die Erstausstattung. Wenn das Kind überwiegend bei der Pflegefamilie lebt, hat sie auch Anspruch auf das Kindergeld. Der Betrag wird mit dem Pflegegeld verrechnet.

Herkunftsfamilie und Pflegefamilie – wer trifft welche Entscheidung?

Jedes Kind hat das Recht auf den Umgang mit seiner Mutter und seinem Vater. Auch die leiblichen Eltern können dazu berechtigt oder verpflichtet sein, Kontakt mit dem Kind zu pflegen. Ob und wie dieser aussieht, wird unter Berücksichtigung des Kindeswohl im Einzelfall entschieden. Wenn ein Kind gegen den Willen der Eltern untergebracht wurde, ist ihnen das Sorgerecht ganz oder teilweise entzogen und auf einen Vormund übertragen worden. Dieser ist dann damit betraut, wesentliche Entscheidungen zu treffen. Haben die Eltern nach wie vor das Sorgerecht, sind sie für Entscheidungen mit erheblicher Bedeutung verantwortlich. Die Pflegeeltern haben aber die so genannte Alltags- und Notfallsorge und entscheiden somit über Angelegenheiten des täglichen Lebens. Das bedeutet: Die leiblichen Eltern entscheiden zum Beispiel über die Wahl des Kindergartens, der Schule oder über medizinische Behandlungen. Die Pflegeeltern entscheiden über die Teilnahme an Veranstaltungen, die Anmeldung zum Nachhilfeunterricht und verwalten die Versorgungs- und Versicherungsleistungen des Kindes. Das soll gewährleisten, dass sie im Alltag handlungsfähig sind. Hier wird deutlich, wie wichtig die Bereitschaft der Zusammenarbeit zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie ist.

Wann ist das Pflegeverhältnis beendet?

Wenn sich die Bedingungen in der Herkunftsfamilie verbessert haben und die Gründe für die Fremdpflege beseitigt wurden, kann das Kind zu seinen leiblichen Eltern zurückgeführt werden (bei der unbefristeten Vollzeitpflege geschieht das in etwa drei Prozent der Fälle). Häufig muss sich die Herkunftsfamilie dafür erst dazu bereiterklären, weitere Hilfen in Anspruch zu nehmen. Ist eine Rückkehr zu der Herkunftsfamilie ausgeschlossen, endet die Vollzeitpflege, wenn das Kind in ein selbstständiges Leben entlassen werden kann. Dies ist frühestens mit dem Beginn der Volljährigkeit der Fall. Meistens können auch über dieses Alter hinaus Hilfen in Anspruch genommen werden, um das Kind bis zu seiner tatsächlichen Verselbstständigung weiter zu fördern.

Es ist ebenfalls möglich, ein Pflegeverhältnis ungeplant und vor Ablauf der vereinbaren Pflegezeit zu beenden – zum Beispiel, wenn Konflikte wie Gewalt, Missbrauch oder Sucht vorliegen oder Notsituationen wie Krankheit oder Tod auftreten. Auch, wenn Pflegeltern und Herkunftsfamilie sich gegenseitig nicht akzeptieren, ist eine vorzeitige Beendung möglich.

Aktuell: Hilfe für Flüchtlingskinder

In den letzten Jahren sind auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, die in teilweise in Pflegefamilien untergebracht werden. Wenn Sie Interesse an der Aufnahme haben, wenden Sie sich am besten an Ihr örtliches Jugendamt, dort wird es einen Fachdienst für das Pflegekinderwesen geben. Auf den Seiten der Organisation "Pflegekinder in Bremen" finden Sie darüber hinaus viele gute Informationen: http://www.pib-bremen.de/kinder-im-exil/faq.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 14. März 2017
Quellen: Kindler, H., Helming, E., Meysen, T., Jurczyk, K. (Hg.): Handbuch Pflegekinderhilfe. Broschüre des Deutschen Jugendinstituts (DJI) e.V. und des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) e.V. abrufbar unter: www.bmfsfj.de, Stand: 2011; Online-Informationen und Formulare des Landratsamts München: www.landkreis-muenchen.de , Abruf: 30.10.15; Online-Informationen der Stadt München: www.muenchen.de, Abruf: 30.10.15; Online-Informationen der Stadt Nürnberg: www.jugendamt.nuernberg.de, Abruf: 30.10.15

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