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Freitag, 21. September 2018
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Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Autor: Christian Emmerling, Medizinautor / Karin Wunder, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 11. September 2018

Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung fällt es trotz normaler Intelligenz (IQ über 70) sehr schwer, Lesen und Schreiben zu erlernen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa fünf Prozent der Kinder an Legasthenie, wobei Jungen mindestens doppelt so häufig betroffen sind wie Mädchen.

Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie)
Die Lese- und Rechtschreibstörung wird meist erst in der Schule diagnostiziert
(c) iStockphoto/Milan Zeremski

Die Lese- und Rechtschreibstörung (auch als LRS, Legasthenie oder Lese- und Rechtschreibschwäche bezeichnet) zählt wie die Rechenstörung (Dyskalkulie) zu den Teilleistungsstörungen. Treten die Schwierigkeiten nur beim Schreiben und nicht beim Lesen auf, spricht man von einer isolierten Rechtschreibstörung.

Die Lese- und Rechtschreibstörung tritt in allen Schriftsprachen auf. Betroffene haben Schwierigkeiten, ganze Wörter aus Buchstaben zusammenzusetzen oder Wörter in Buchstaben zu zerlegen. Silben werden weggelassen, Buchstaben verwechselt oder ausgetauscht. Vereinzelt kommt es auch zu Wahrnehmungsstörungen beim Schreiben oder Lesen. Festgestellt wird Legasthenie meist im zweiten Schuljahr beziehungsweise im siebten bis achten Lebensjahr.

Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung

Die Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung gelten als sehr komplex und sind bislang noch nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass in erster Linie Wahrnehmungsstörungen beim Hören und Sehen eine Rolle spielen. Zwar besitzen Kinder mit Legasthenie ein normales Hör- und Sehvermögen, einige Informationen können im Gehirn aber vermutlich nicht richtig verarbeitet werden. Da oft mehrere Familienmitglieder betroffen sind, spielen bei der Entstehung neben Umwelteinflüssen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch genetische Faktoren eine Rolle.

Symptome der Lese- und Rechtschreibstörung

Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung haben starke Schwierigkeiten, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Dadurch liegen ihre schulischen Leistungen oftmals weit unter dem Klassendurchschnitt und dem persönlichen Intelligenzniveau.

Häufig lassen Kinder mit Legasthenie beim Lesen Worte oder Wortteile aus, fügen andere hinzu, verdrehen oder ersetzen sie. Beim Vorlesen haben sie oft extreme Startschwierigkeiten, lesen sehr langsam, zögern sehr lange oder verlieren die Zeile im Text. Charakteristisch sind auch Fehler beim Setzen von Sprechpausen und das Vertauschen von Wörtern im Satz oder Buchstaben in den Wörtern. Zudem wird das Gelesene häufig nicht richtig verstanden, sodass falsche Schlüsse gezogen oder Zusammenhänge nicht erkannt werden.

Beim Schreiben verdrehen Legastheniker häufig Buchstaben. So wird beispielsweise ein "b" zum "d" oder ein "p" zum "q" und umgekehrt. Oft wird auch die Reihenfolge der Buchstaben innerhalb eines Wortes verändert, es werden Buchstaben ausgelassen oder zusätzlich hinzugefügt. Verwechslungen gibt es auch bei ähnlich klingenden Buchstaben wie "d" und "t" oder "g" und "k". Weitere typische Merkmale sind Dehnungsfehler (Beispiel: "stelen" anstatt "stehlen") und Fehler in der Groß- und Kleinschreibung. Auffällig ist außerdem, dass ein und dasselbe Wort unter Umständen auch nach mehrmaligem Üben auf unterschiedliche Weise falsch geschrieben wird. Rechtschreibfehler treten vor allem bei Aufsätzen und Diktaten auf, das Abschreiben von Texten kann dagegen nahezu fehlerlos gelingen.

Eine Lese- und Rechtschreibstörung erkennen

In der Schule können Lehrerinnen und Lehrer bei Kindern, die Probleme im Umgang mit der Schriftsprache haben, auf besondere Zeichen achten, die auf Legasthenie hinweisen:

  • niedrige Lesegeschwindigkeit und häufiges Stocken beim Lesen
  • Umstellen, Auslassen oder Hinzufügen sowie Ersetzen von Wörtern, Silben oder Buchstaben
  • viele Orthographie-Fehler
  • unleserliche Handschrift
  • viele Fehler bei ungeübten, geübten oder auch abgeschriebenen Texten
  • Schwierigkeiten bei der Interpretation von Gelesenem

Diagnose der Lese- und Rechtschreibstörung

Eine Lese- und Rechtschreibstörung wird durch Kinder- und Jugendpsychiater, -psychotherapeuten oder -psychologen mithilfe spezieller Lese- und Rechtschreibtests diagnostiziert. Häufig werden auch standadisierte Lese- und Rechtschreibtests absolviert. Diese Tests zur Feststellung der Legasthenie werden beim Kinder- oder Jugendpsychiater durchgeführt.

Wichtig ist dabei auch die enge Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern, um verschiedene Fragen zu schulischen Leistungen und zum allgemeinen Entwicklungszustand (Körper, Motorik, Sprache) des Kindes zu klären.

Ausgeschlossen werden sollten Seh- oder Hörstörungen als Ursachen für die Lese- und Rechtschreibstörung.

Förderung und Hilfe für Legastheniker

Legastheniker sollten so früh wie möglich gefördert und sowohl schulisch, sozial als auch emotional unterstützt werden. Die Fördermaßnahmen müssen eng mit Lehrern und Eltern abgestimmt werden, da sie aktiv mitwirken müssen. Generell gilt außerdem: Lesen ist für betroffene Kinder zum Wissenserwerb wichtiger als Schreiben. Daher kann es sinnvoll sein, zunächst verstärkt die Lesefähigkeit zu fördern.

Familie und Eltern

Die Familie und insbesondere die Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle bei der Unterstützung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung. Denn sie müssen dem betroffenen Kind klar machen, dass die schulischen Mängel kein Versagen sind und ihm zeigen, dass sie trotz der Schwächen beim Lesen und Schreiben anerkannt und geschätzt werden. Wenn Eltern genügend Zeit haben, konsequent mit ihrem Kind zu üben, ist eine Förderung zu Hause möglich. Diese sollte aber in jedem Fall mit Lehrern und Therapeuten abgestimmt sein und keinen Druck für das Kind bedeuten.

Hausaufgaben

Es ist hilfreich, wenn die Hausaufgaben fester Bestandteil des Tagesablaufs sind und nach einer Pause möglichst bald nach dem Unterricht erledigt werden. Kinder sollten die Möglichkeit haben, ihre Hausaufgaben an einem ruhigen Ort mit wenig Ablenkung zu machen. Wichtig ist außerdem, dass die Hausaufgaben selbstständig erledigt werden. Dabei ist elterliche Hilfe und eine Durchsicht der Aufgaben nicht ausgeschlossen. Generell sollten Kinder die Hausaufgaben aber als ihre eigene Angelegenheit verstehen.

Schule und Lehrer

Die Regelungen für Schulen und Lehrer werden von den Bundesländern festgelegt und sind daher nicht einheitlich definiert. Oft wird aber in vielen Bundesländern bis zu einem bestimmten Jahrgang von einer Benotung der Lese- und Rechtschreibleistung abgesehen. In einigen Fällen steht betroffenen Schülern das Recht zu, zusätzliche Arbeitsmittel (z.B. Computer) in Anspruch zu nehmen oder eine Prüfung unter veränderten Rahmenbedingungen (z.B. verlängerte Prüfungszeit, mündlich statt schriftlich) abzulegen. Auch bei der Leistungsbewertung in Zeugnissen gibt es verschiedene Regelungen, die eine vorliegende Lese- und Rechtschreibstörung berücksichtigen.

In manchen Bundesländern sind außerdem individuelle Fördermaßnahmen außerhalb der Unterrichtszeit vorgesehen, die gegebenenfalls auch in kleinen Gruppen stattfinden können. Die Erlasse für die einzelnen Bundesländer können bei den Landesverbänden des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V. eingesehen werden. Dort sind zudem Informationen zu außerschulischen und außerhäuslichen Förderungsmöglichkeiten zu finden.

Förderansätze

Es gibt verschiedene Förderansatze für die Behandlung der Lese- und Rechtschreibstörung. Die Wirksamkeit der verschiedenen Konzepte ist zwar kaum wissenschaftlich untersucht, prinzipiell gelten aber jene Modelle als hilfreicher, bei denen die Defizite gezielt mit einem direkten Bezug zur Schriftsprache aufgearbeitet werden. Im Gegensatz dazu hat sich das Trainieren von Fertigkeiten, die nur indirekt mit dem Lesen und Schreiben in Zusammenhang stehen (zum Beispiel Hör- und Sehwahrnehmung), weniger bewährt, wobei es hierzu unterschiedliche Ansichten gibt.

Empfehlungen des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V. sowie ausführliche Informationen zu den verschiedenen Förderansätzen sind hier zu finden.

Lerntherapie

Der außerschulischen Förderung von Legasthenikern kommt besondere Bedeutung zu. In kleinen Gruppen oder in Einzeltherapie werden bei der Lerntherapie Lernstrategien entwickelt, die es dem Kind ermöglichen, mit seiner Lese- und Rechtschreibschwäche im (Schul-)Alltag umzugehen. Die Lerntherapie ist ganzheitlich und bezieht neben didaktischen auch soziale und emotionale Komponenten mit ein.

Zwar werden die Kosten von Lerntherapien für Legastheniker in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen, es besteht aber die Möglichkeit, sich diese fördern zu lassen. Unter Umständen kann ein Antrag auf Eingliederungshilfe nach § 35 a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII gestellt werden. Voraussetzung ist, dass die "Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist."

Verlauf der Lese- und Rechtschreibstörung

Eine Lese- und Rechtschreibstörung kann sich bereits bei Kleinkindern durch Auffälligkeiten beim Sprechen und Zuhören bemerkbar machen, in der Regel zeigen sich die ersten Symptome aber erst im Grundschulalter. In einigen Fällen gelingt es von Legasthenie betroffenen Kindern, die Defizite durch Auswendiglernen oder rasches Kombinieren auszugleichen, spätestens im dritten oder vierten Schuljahr lässt sich die Störung für gewöhnlich aber nicht länger verbergen.

Gewisse Schwierigkeiten bleiben meistens bis zum Schulabschluss und darüber hinaus bestehen, wodurch das Ausbildungsniveau oft unter den eigentlichen geistigen Fähigkeiten bleibt. Dennoch, oder möglicherweise gerade aufgrund der Schwierigkeiten während der Kindheit, entwickeln Legastheniker oft eine ausgeprägte Persönlichkeit und besetzen verantwortungsvolle Positionen in verschiedenen Bereichen (Beispiel: Albert Einstein).

Psychische Probleme

Häufig haben Kinder mit Legasthenie auch psychische Probleme. Diese können vorhanden sein, bevor die Lese- und Rechtschreibstörung auftritt, aber auch als Folge aus der LRS entstehen. Möglich sind verschiedenste Auffälligkeiten wie Trauer, Angst, Mut- und Lustlosigkeit, Depressionen, innere Unruhe, Aggressivität oder Hyperaktivität (ADHS). Eine Förderung sollte immer auch diesen Aspekt berücksichtigen und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten mit einbeziehen.

Vorbeugen der Lese- und Rechtschreibstörung

Da über die Ursachen von Teilleistungsstörungen wenig bekannt ist, ist es sehr schwierig einer Lese- und Rechtschreibstörung vorzubeugen. Wird Legasthenie rechtzeitig erkannt, können eine rasche Diagnose und frühzeitige Förderung aber dazu beitragen, die Lernschwierigkeiten zu minimieren und psychische Probleme zu vermeiden. Als besonders geeignet gilt hier die Förderung der Sprachbewusstheit (phonologische Bewusstheit).

Autor: Christian Emmerling, Medizinautor / Karin Wunder, Medizinautorin
Letzte Aktualisierung: 11. September 2018
Quellen

Beiträge im Forum "Babyernährung"
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