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Schulschließungen wegen Coronavirus

Homeschooling: Wie Schulunterricht zu Hause funktioniert

In Deutschland ist Homeschooling per Gesetz verboten. Doch durch Schulschließungen aufgrund des Coronavirus mussten Eltern, Lehrer und Kinder plötzlich umdenken. Was wir aus dem Hausunterricht in Zeiten der Krise lernen.

Homeschooling: Wie Schulunterricht zu Hause funktioniert
Die digitale Welt bietet neue Möglichkeiten für Homeschooling.
© iStock.com/gpointstudio

Artikelinhalte auf einen Blick:

Was ist Homeschooling?

Das Phänomen des schulfreien Lernens hat viele Namen: von „Homeschooling“ über „Home Education“ oder „Hausunterricht“ bis zum „Familienunterricht“. Gemeint ist, dass Kinder in ihrem eigenen häuslichen Umfeld lernen, statt eine Schule zu besuchen. Ob aus religiösen oder schulkritischen Einstellungen: Eltern entscheiden sich aufgrund unterschiedlicher Motive bewusst dazu, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.

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Coronavirus: Wie läuft Homeschooling während der Schulschließungen in Deutschland ab?

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, wurden Mitte März deutschlandweit alle Schulen geschlossen. Das traf Lehrer, Eltern und Kinder vollkommen unvorbereitet. „Wir haben freitags um halb drei erfahren, dass am Montag kein Unterricht mehr stattfindet“, sagt Marie Winter, Gymnasiallehrerin in Nordrhein-Westfalen. Von jetzt auf gleich blieben die Klassenzimmer leer. Und stattdessen? Improvisiertes Homeschooling! Das sonst illegale Lernmodell verblieb plötzlich als einzige Option.

„Wie die meisten Schulen war unsere Schule für so einen Fall absolut nicht gerüstet“, berichtet Marie Winter. Weil die Lehrer ihrer Schule aus datenschutzrechtlichen Gründen ausdrücklich keine Online-Lernplattformen benutzen dürfen, verschickt sie regelmäßig E-Mails mit Aufgaben an Eltern und Schüler. Auch in anderen Schulen herrschte zu Beginn der Schulschließungen großes Chaos: In Bayern, wo Schülern die Online-Lernplattform „Mebis“ zur Verfügung steht, legte ein Hackerangriff das System schon an Tag eins lahm. Schnell wurde klar: Es fehlt für einen solchen Fall nicht nur der Masterplan, sondern auch die digitale Ausstattung. Mit dem „DigitalPakt Schule“ ist 2019 zwar eine rechtliche Grundlage für ein Förderprogramm in Kraft getreten, um die Schulen mit digitaler Technik auszustatten – noch ist das smarte Klassenzimmer in vielen Schulen jedoch reine Zukunftsmusik.

Welche Rolle spielen Eltern beim Homeschooling?

Normalerweise übernehmen die Eltern beim Homeschooling tatsächlich die Rolle der Lehrer. Doch während der coronabedingten Schulschließungen sollten Eltern eigentlich keine Ersatzlehrer spielen müssen. „Alle Lehrer sind sehr bemüht, Aufgaben zu stellen, die von den Kindern selbstständig und ohne Hilfe der Eltern erledigt werden können“, sagt Winter. Jedoch verlangt die aktuelle Situation, vor allem bei gleichzeitigem Arbeiten im Homeoffice, den Familien trotzdem einiges ab: Mal sind es banale Probleme, wie ein kaputter Drucker, die einen zur Weißglut bringen. Mal sind es die genervten Kinder, denen der Kontakt zu ihren Mitschülern fehlt. Und mal sind es die etwas zu ehrgeizigen und nervösen Eltern: „Sie haben Angst, dass ihre Kinder etwas verpassen, weil das Lernen zu Hause nicht so gut klappt“, sagt Winter.

Jeden Sonntag schickt Marie Winter den Eltern der Schüler aus ihrer sechsten Klasse die Wochenaufgaben zu. Wann die Schüler ihre Aufgaben erledigen, müssen Eltern und Kinder selbst organisieren – bis freitags haben sie Zeit. Doch das hohe Maß an Selbstorganisation fällt ebenfalls schwer: „Eltern vergessen zum Beispiel, dass Kinder in der Schule maximal 45 Minuten am Stück ruhig sitzen müssen“, gibt Winter zu bedenken. Die Lernzeit zu Hause sei außerdem intensiver und dadurch anstrengender. „Außerdem geraten Eltern oft in Panik, weil die Kinder sofort zu ihnen rennen und sagen, sie könnten das nicht. Dabei lesen sie sich die Aufgabenstellung manchmal einfach nicht richtig durch.“

Eltern sollten während der temporären Schulschließungen keinen Druck aufbauen. Ihre aktuelle Aufgabe lautet: Den Kindern eine ruhige und sichere Umgebung fürs Lernen bereitstellen, sie motivieren und an Pausen erinnern. Und wenn die Kinder mal nicht weiter wissen? „Bevor die Eltern versuchen, sich wieder in Stoff der sechsten Klasse einzuarbeiten, dürfen sie die Kinder ermutigen, selbst einen Weg zu finden. Eltern sollten ihnen zum Beispiel ermöglichen, sich regelmäßig mit Klassenkameraden auszutauschen, damit sie sich gegenseitig helfen.“ Winter rät Eltern außerdem: „Bleiben Sie gelassen“. Die Zeit könne man gerade am besten nutzen, um mit Kindern das selbstständige Lernen zu üben. „Es geht jetzt nicht darum, irgendwelche Inhalte durchzuprügeln, sondern die Kinder zu Hause sinnvoll zu beschäftigen“, sagt sie. Schließlich wollen Kinder von Natur aus etwas Neues lernen.

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Warum ist Homeschooling in Deutschland verboten?

Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen, haben es in Deutschland schwer. Denn im Gegensatz zu anderen Ländern ist das Homeschooling hierzulande verboten. Auch wenn es in einigen Bundesländern Ausnahmeregelungen gibt, herrscht in Deutschland generell die Schulpflicht. Und die sieht vor, dass Kinder ab einem Alter zwischen fünf und sieben Jahren eine öffentliche Schule oder eine anerkannte Privatschule besuchen müssen.

Die Schulpflicht wurde erstmals in der Verfassung von 1919 verankert und sie ist heute noch im deutschen Grundgesetz festgehalten. In Artikel 7 Absatz 1 lautet es: „Das gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates.“ Der Hintergrund: Das gemeinsame Lernen in der Schule soll soziale Kompetenzen fördern, der Umgang mit Andersdenkenden eine Grundlage für die Demokratie bilden und Kinder sich auf diese Weise frei zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können. Ausnahmen sind zum Beispiel möglich, wenn Kinder im Ausland aufwachsen und dort keinen Zugang zu einer deutschsprachigen Schule haben, wenn sie aufgrund psychischer oder physischer Erkrankungen einem Schulbesuch nicht gewachsen sind oder es sich um mediale Berühmtheiten handelt, deren Anwesenheit den normalen Schulbetrieb gefährden würde.

Eltern, die ihre Kinder aufgrund einer schulkritischen oder weltanschaulichen Haltung zu Hause unterrichten, begehen eine Ordnungswidrigkeit, die zum Teil von den Behörden geduldet oder aber geahndet wird. In einigen Bundesländern drohen ihnen Freiheits- oder Geldstrafen.

Wie funktioniert Homeschooling in anderen Ländern?

In den USA ist Homeschooling eine legale Alternative zum Schulbesuch. In anderen Ländern wie etwa Kanada, Neuseeland, Australien, Großbritannien oder Frankreich werden einige Kinder ebenfalls zu Hause unterrichtet. In den USA wird Homeschooling besonders häufig praktiziert. Hier sind es die Eltern, die ihre Kinder für einen bestimmten Zeitraum zu Hause unterrichten. Je nach Bundesstaat gelten allerdings andere Regeln. So kann es zum Beispiel sein, dass der Schulstoff für ein Jahr vorgegeben und am Ende eine Prüfung über die Inhalte abgelegt wird oder, dass es den Eltern komplett selbst überlassen ist, wie der Unterricht aussieht. Eine einheitliche Regelung für Homeschooling gibt es nicht.

Welche Vor- und Nachteile hat Homeschooling?

Ob Homeschooling besser oder schlechter ist als der Unterricht in einer Schule, darüber gibt es bisher wenig wissenschaftliche Studien. Eine groß angelegte Studie in den USA aus dem Jahr 2009 hatte ergeben, dass Homeschooler in Tests im Vergleich besser abschnitten. Andere Befürworter heben positiv hervor, dass durch Homeschooling ein lebensnaher Bezug zum Lernen hergestellt wird. Auch Winter sieht Vorteile des Homeschoolings: „Auf diese Weise könnte das Lernen durchaus abwechslungsreicher und effektiver sein“, sagt sie. „Zuhause könnten Kinder mehr schaffen als in der Klasse, wo aufgrund von verschiedenen Ablenkungen einiges untergeht“.

Doch Homeschooling hat ebenfalls Gegner: Kritiker befürchten, dass der soziale Kontakt und der notwendige Wettbewerb zwischen den Kindern dabei zu kurz kommt. Außerdem besteht die Angst, dass sich dadurch religiös oder weltanschaulich geprägte Parallelgesellschaften bilden könnten und Minderheiten nicht integriert werden. Reines Homeschooling beurteilt die Gymnasiallehrerin eher kritisch: „Wenn dann halte ich Homeschooling nur maximal bis zur achten Schulklasse für sinnvoll“, sagt sie. „Schließlich ist Schule mehr als Wissen. Hier entwickeln Jugendliche ihre eigene Sprache, sie lernen, sich mit anderen zu messen und es entstehen Freundschaften.“

Wird es Homeschooling zukünftig in Deutschland geben?

So wie das Homeschooling während der Coronakrise gehandhabt wurde, ist es sicher kein praktikables Modell. Doch handelte es sich hierbei eben um einen Ausnahmezustand, der unter ungewöhnlichen Umständen entstand. Eine Chance für die Zukunft könnte diese Erfahrung trotzdem sein, wie Marie Winter vermutet: „Aus dieser misslichen Lage können wir Wertvolles schöpfen. Ich gehe davon aus, dass die Schulen in Bezug auf ihre Technologien aufrüsten werden“, sagt sie. Denn die Digitalisierung bietet durchaus Möglichkeiten, um Homeschooling in Zukunft effektiver zu gestalten. Auch Winter kann sich gut vorstellen, wie Unterricht online funktionieren könnte. Statt "Homeschooling" durch die Eltern fände sie "Online Teaching" sinnvoller: „Findet der Unterricht in einer Videokonferenz statt, bei dem der Lehrer an der Tafel steht und ihm eine Handvoll Schüler zugeschaltet werden, wäre ein effektives Lernen möglich."

Schon jetzt sind aufgrund der Coronakrise viele virtuelle Lernangebote entstanden, bei denen sich die Beteiligten zum Beispiel kostenlos Material herunterladen können oder bei denen die Schüler mit Apps und Spielen lernen. Um die digitale Welt bald besser für schulische Zwecke zu nutzen, sieht Winter jedoch noch weiteren Nachholbedarf: „Lehrer, Eltern und Schüler müssen im Umgang mit den neuen Medien geschult und den Schülern müssen andere Lernmethoden beigebracht werden“, sagt sie. „Meiner Meinung nach werden sich Schüler außerdem weiterhin zu den guten alten Lernformen wie dem Auswendiglernen durchringen müssen. Denn Lernen besteht eben nicht nur aus Tippen und Wischen.“

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