Dienstag, 29. Juli 2014

Wochenbettdepressionen

Wochenbettdepressionen
Nicht immer ist die Zeit nach der Entbindung harmonisch und entspannt - Wochenbettdepressionen sind keine Seltenheit
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Wochenbettdepressionen sind Depressionen, die bei Frauen in der Zeit nach einer Entbindung auftreten können. In der Fachsprache werden auch die Begriffe postpartale oder postnatale Depressionen verwendet.

Baby Blues oder Wochenbettdepressionen?

Besteht eine depressive Verstimmung nur wenige Tage nach der Geburt, spricht man auch von Heultagen oder Baby Blues. Dies ist normal und kann vorübergehend durch die Hormonumstellung entstehen. Eine postnatale Depression oder Wochenbettdepression dauert hingegen mehrere Wochen an und kann in schweren Fällen chronisch werden. In sehr schweren Fällen können sogar postnatale Psychosen oder Wochenbettpsychosen auftreten. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man, wenn die Entbindung als traumatisch empfunden wurde. Nach einer Tot- oder Frühgeburt oder der Geburt eines kranken oder behinderten Kindes kann es zu depressiven Reaktionen kommen.

Etwa 50 bis 70 Prozent aller Frauen erleben nach der Entbindung im Wochenbett den Baby Blues. Zehn bis 15 Prozent aller Frauen entwickeln in der Zeit nach der Geburt ihres Kindes Wochenbettdepressionen. Wochenbettpsychosen kommen dagegen mit 0,1 bis 0,2 Prozent sehr selten vor. Etwa drei Viertel aller postnatalen Depressionen und Psychosen betreffen Frauen, die zum ersten Mal ein Kind bekommen. Posttraumatische Belastungsstörungen treten nach etwa ein bis zwei Prozent aller Entbindungen auf. Depressive Reaktionen zeigen sich bei etwa 20 bis 40 Prozent aller Tot- und Frühgeburten oder Geburten von kranken beziehungsweise behinderten Kindern.

Was sind die Ursachen von Wochenbettdepressionen?

Die Ursachen von Baby Blues und leichten Wochenbettdepressionen sind vor allem die veränderte Lebenssituation, die hormonelle Umstellung sowie die Reizüberflutung, der Schlafmangel und die fehlende Ruhe. Zu schwerwiegenderen Wochenbettdepressionen kommt es, wenn zusätzlich soziale Unterstützung fehlt, Probleme in der Partnerschaft bestehen oder eigene Erwartungen bezüglich der Mutterrolle zu hoch sind und dann nicht erfüllt werden können.

Auch körperliche Ursachen, wie Schilddrüsenstörungen, Eisenmangel oder Geburtskomplikationen können zur Entstehung von Wochenbettdepressionen beitragen. Zudem können Wochenbettdepressionen durch eine Toxoplasmose und auch durch bestimmte Medikamente wie Abstillmittel, Antirheuma-Präparate oder Herzmedikamente (Beta-Blocker) verursacht werden. Depressionen, die bereits während der Schwangerschaft aufgetreten sind, gelten ebenfalls als Ursache von Wochenbettdepressionen. Frühere psychische Störungen oder psychische Erkrankungen in der Familie können zusätzlich die Entstehung von Wochenbettdepressionen begünstigen und in schweren Fällen bis hin zu Wochenbettpsychosen führen.

Zu posttraumatischen Belastungsstörungen kann es kommen, wenn die Entbindung als traumatisch wahrgenommen wurde. Beispielsweise kann ein starkes Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins durch eine mangelnde Betreuung während der Geburt eine erhebliche seelische Belastung darstellen. Zudem fehlt häufig eine ausreichende Verarbeitung des Geburtserlebnisses. Auch frühere traumatische Erlebnisse können eine Rolle spielen.

Depressive Reaktionen sind meistens die Folge von Verlustereignissen. Oft wird die Trauer nicht ausreichend verarbeitet oder gar nicht erst zugelassen. Bei Frühgeborenen oder kranken und behinderten Kindern kann die Besorgnis um die Gesundheit und damit zusammenhängende, notwendige Maßnahmen zu depressiven Reaktionen führen.

Wie äußern sich Wochenbettdepressionen?

Der Baby Blues und Wochenbettdepressionen äußern sich zunächst durch eine generelle erhöhte Empfindlichkeit, Stimmungsschwankungen und eine erhöhte Reizbarkeit. Bei weiterem Verlauf zeigen sich Niedergeschlagenheit, das Gefühl von Schuld und Versagen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Schlappheit. Der Baby Blues erreicht seinen Höhepunkt etwa drei bis fünf Tage nach der Entbindung und klingt etwa bis zum zehnten Tag wieder ab. Ernsthafte Wochenbettdepressionen entstehen dagegen eher schleichend innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt.

Bei einer postnatalen Psychose kommen Verhaltensänderungen, unbegründete Ängste und Denkstörungen hinzu. Zum Teil treten auch Wahrnehmungsstörungen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder das Hören von Stimmen auf. Postnatale Psychosen beginnen in der Regel während der ersten zwei Wochen nach der Entbindung.

Posttraumatische Belastungsstörungen kennzeichnen sich durch Albträume und Flashbacks, in denen Erlebnisse der Geburt wiederkehren. Schlafstörungen, Traurigkeit, ein Gefühl innerer Taubheit, Reizbarkeit, sozialer Rückzug und weitere depressive Symptome sind die Folge. Posttraumatische Belastungsstörungen treten in den meisten Fällen unmittelbar nach einer traumatisch wahrgenommenen Entbindung auf. Sie können sich aber auch erst nach mehreren Wochen oder Monaten äußern.

Bei depressiven Reaktionen stehen der Schock und ein Gefühl der inneren Taubheit im Vordergrund. Oft folgen weitere depressive Symptome und eine länger andauernde Depression. Depressive Reaktionen beginnen meistens innerhalb der ersten Tage bis Wochen nach der Geburt.

Wie werden Wochenbettdepressionen diagnostiziert?

Für die Diagnose von Wochenbettdepressionen gibt es einen spezialisierten Fragebogen. Die "Edinburgh Postpartum Depression Scale" hilft bei der Beurteilung der Frage, ob Anzeichen einer Depression vorliegen. Der Fragebogen umfasst zehn Fragen zum seelischen Befinden während der Zeit nach der Entbindung. Auch bei der Einschätzung von Depressionen, die bereits während der Schwangerschaft auftreten, kann der Test helfen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei Wochenbettdepressionen?

Beim Baby Blues ist meistens keine Psychotherapie notwendig. Größtenteils genügt eine unterstützende Beratung durch die Hebamme, den Frauen- oder den Hausarzt. In schwereren Fällen sollte professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten herangezogen werden. Sollte eine stationäre Behandlung notwendig werden, können spezielle Mutter-Kind-Behandlungen, die von einigen Kliniken angeboten werden, hilfreich sein. Bei einer medikamentösen Behandlung muss beachtet werden, dass die Wirkstoffe dem Säugling unter Umständen schaden können, da sie auch in die Muttermilch gelangen. Auch die Unterstützung durch Angehörige und Selbsthilfegruppen kann eine wichtige Rolle beim Überwinden von Wochenbettdepressionen, postnatalen Psychosen oder anderen geistigen postnatalen Störungen spielen.

Wie ist der Verlauf von Wochenbettdepressionen?

Der Verlauf der Wochenbettdepressionen ist abhängig davon, wann sie erkannt werden. Die Diagnose ist zum Teil schwierig, da sich die Symptome oft nicht klar von normalen Stimmungs- oder Verhaltensänderungen nach einer Entbindung abgrenzen lassen. Deshalb werden Wochenbettdepressionen häufig zu spät oder gar nicht erkannt, was eine gestörte Beziehung zwischen Mutter und Kind zur Folge haben kann. In einzelnen Fällen kann das psychische Leid aufgrund der fehlenden Therapie so groß werden, dass es bei den betroffenen Frauen zu Selbstmordgedanken oder -versuchen kommt.

Kann man Wochenbettdepressionen vorbeugen?

Zur Vorbeugung von Wochenbettdepressionen ist es wichtig, einen guten sozialen Rückhalt zu haben. Eine verstärkte Unterstützung durch den Partner und die Familie kann dabei helfen, das Risiko von Depressionen nach der Entbindung zu verringern. Zu viel Fürsorge kann unter Umständen jedoch das Gefühl des Versagens bei Betroffenen verstärken. In solchen Fällen ist professionelle Hilfe zu empfehlen.

Um depressive Reaktionen zu vermeiden, sollten die eigenen Erwartungen an die Mutterrolle nicht zu hoch gesteckt und das Bild der "glücklichen und sorglosen Mutter", wie es zum Teil in der Öffentlichkeit vermittelt wird, nicht überbewertet werden.

Wenn Depressionen bereits während der Schwangerschaft auftraten oder eine Vorbelastung durch frühere psychische Probleme in der eigenen oder familiären Vergangenheit besteht, sollte eine Auseinandersetzung mit den Problemen möglichst frühzeitig beginnen und gegebenenfalls schnell professionelle Hilfe zu Rate gezogen werden.

Autor: Christian Emmerling
Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2013
Quellen: Rohde A.: Rund um die Geburt eines Kindes: Depressionen, Ängste und andere psychische Probleme, Kohlhammer, Stuttgart 2004 Stiftung Warentest (Hrsg.): Depressionen überwinden. Niemals aufgeben! Stiftung Warentest, Berlin 2008 Höfer, S., Szász, N.: Hebammen Gesundheitswissen. Gräfe und Unzer, München 2007

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