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Samstag, 25. Oktober 2014

Ess-Brech-Sucht, Bulimie (Bulimia nervosa)

Ess-Brecht-Sucht, Bulimie
Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper kann eine Ursache für Bulimie sein
BananaStock

Die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa, "Bulimie") ist eine psychosomatische Störung des Essverhaltens, unter der vor allem Mädchen und Frauen leiden. Die Bezeichnung Bulimia verweist mit ihrer eigentlichen Bedeutung "Ochsenhunger" (griechisch: bous = Ochse, limos = Hunger) auf das Hauptkennzeichen der Störung, die wiederholt auftretenden, nicht kontrollierbaren Heißhunger-Attacken.

Meist sind diese Essattacken von Schuldgefühlen gefolgt, was die Betroffenen dazu bringt, sie auf verschiedene Weise zu kompensieren. Am häufigsten kommt es vor, dass Erkrankte selbstständig ein Erbrechen auslösen. Andere Arten, um die Essattacken zu kompensieren, können der Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzien), entwässernden Medikamenten (Diuretika), Einläufen, Fasten sowie exzessiver Sport sein.

Der Hauptunterschied zwischen der Bulimie und Magersucht ist das Gewicht: Betroffene mit Ess-Brech-Sucht sind meist idealgewichtig, leicht unter- oder übergewichtig.

Essstörungen haben in den letzten 20 Jahren insgesamt zugenommen. Da die Betroffenen ihre Erkrankung verheimlichen, ist die Dunkelziffer entsprechend hoch. Die Häufigkeit wird auf 2,5 bis vier Prozent in der Gruppe der 18- bis 35-jährigen Frauen geschätzt. Bulimie kommt überwiegend in den Industrienationen vor, in denen es Essen im Überfluss gibt. Etwa 90 Prozent der Betroffenen sind Mädchen und Frauen, doch auch junge Männer erkranken zunehmend.

Ursachen für die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Die Ess-Brech-Sucht ist eine psychische Erkrankung, die ganz individuelle Ursachen haben kann. Sie zählt zu den so genannten multifaktoriellen Erkrankungen, da meist eine Kombination psychologischer, biologischer, familiärer, genetischer, sozialer und umgebungsbedingter Faktoren zugrunde liegt. Dennoch gibt es verschiedenen Faktoren, die das Entstehen einer Ess-Brech-Sucht begünstigen können:

  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper
    Viele Mädchen und junge Frauen möchten abnehmen, oft verstärkt durch den Wunsch, dem in den Medien verbreiteten Schönheitsideal zu entsprechen. Der Wunsch abzunehmen steht dabei für den Wunsch nach mehr Attraktivität. Schlank sein wird als Sinnbild für Gesundheit und Erfolg verstanden.
  • Geringes Selbstwertgefühl
    Bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern drückt sich ein geringes Selbstwertgefühl in einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper aus.
  • Familiäre Faktoren
    Familiäre Faktoren können an der Entstehung einer Ess-Brech-Sucht beteiligt sein, wenn beispielsweise Eltern Körpergewicht und Selbstwertgefühl miteinander verbinden und dies ihren Kindern gegenüber auch so kommunizieren.
  • Häufige Diäten
    Durch häufige Diäten kann das Gefühl für Hunger und Sättigung verloren gehen. Natürliche Mechanismen verlieren ihre Bedeutung und im Fall der Ess-Brech-Sucht verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihr Hunger- und Sättigungsgefühl.
  • Essen als Ventil
    Essen kann eine Art Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse sein. Eine Essattacke kann emotionale Erleichterung bringen und Angst mindernd wirken.

Symptome der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa): Heißhunger-Attacken mit gesundheitlichen Folgen

Hauptmerkmal der Ess-Brech-Sucht sind die Heißhunger-Attacken, die meistens von Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, Fasten oder exzessivem Sport gefolgt werden. Während der Essanfälle nehmen die Betroffenen sehr große Kalorienmengen auf (bis zu 10.000 kcal), ohne sich dabei kontrollieren zu können. Meist werden kohlenhydrat- und kalorienreiche Nahrungsmittel in großen Mengen gegessen. Die Anfälle treten normalerweise mehrmals pro Woche, selten täglich, auf.

Zusätzlich können sich gesundheitlich bedenkliche Folgen aus dem bulimischen Essverhalten entwickeln:

  • Störungen im Magen-Darm-Trakt durch den Missbrauch von Abführmitteln
  • Elektrolytentgleisung und Mangel- bzw. Fehlernährung durch das ständige Erbrechen
  • Magensäure greift auf Dauer den Zahnschmelz an und führt zu Karies
  • Risse oder Entzündungen der Speiseröhre
  • Vergrößerung der Speicheldrüsen des Munds (sog. "Hamsterbacken")
  • Kreislaufprobleme
  • Menstruationsstörungen bei Frauen
  • Herzrhythmusstörungen durch Kaliummangel aufgrund des häufigen Erbrechens

Auf psychologischer Ebene tritt das gestörte Essverhalten bei der Bulimie häufig gleichzeitig mit Depressionen und einem gestörten Sozialverhalten auf. Erkrankte beschäftigen sich stark mit den Themen Essen, Nahrungsmittel, Figur und Aussehen. Dabei verlieren gemeinsame Mahlzeiten in der Familie an Bedeutung. Die Betroffenen ziehen sich zurück, um ihre Krankheit geheim zu halten. Sie schämen sich für ihre Essattacken und verstecken die Anfälle vor Familie und Freunden, oft weiß nicht einmal der Partner Bescheid.

Oft ziehen sich Bekannte und Familie aber auch von selbst zurück, da Betroffene nur noch mit den Themen Essen und Gewicht beschäftigt sind. Dies wiederum schmälert das Selbstbewusstsein der Betroffenen weiter, sodass sie glauben mit Gewichtskontrolle ihre Attraktivität wieder zu gewinnen. Somit stecken sie in einem Teufelskreis.

Diagnose der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Die Diagnose der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) kann anhand der typischen Symptome gestellt werden. Zudem gibt es aber auch spezielle Diagnosekriterien für den Arzt, um eine Ess-Brech-Sucht festzustellen:

  • wiederholte Episoden von Essanfällen, mind. zwei Mal pro Woche, wobei die Menge der kalorienreichen Nahrungsmittel nicht mehr kontrollierbar ist
  • um eine daraus folgende Gewichtsabnahme zu vermeiden, greifen die Betroffenen zu Mitteln wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Einnahme von Abführmitteln oder entwässernden Medikamenten, strenge Diäten und übertriebene sportliche Aktivität
  • an Ess-Brech-Sucht erkrankte Personen beschäftigen sich überdurchschnittlich viel mit Essen, Diäten und ihrer Figur und haben krankhafte Angst davor, zuzunehmen

Erfahrene Therapeuten können auch andere sichtbare Zeichen der Ess-Brech-Sucht erkennen: geschwollene Speicheldrüsen, Verdickungen an den Fingern, mit denen das Erbrechen ausgelöst wird, geplatzte Äderchen in den Augen sowie typische Zahnschäden. Bei der Diagnostik der Erkrankung sollte der Arzt andere organische Krankheiten ausschließen. Sind Herzrhythmusstörungen vorhanden, werden diese mittels Elektrokardiogramm (EKG) untersucht.

Therapie der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Bei der Therapie der Ess-Brech-Sucht ist das Zusammenspiel von Medizinern, Ernährungsberatern und Psychologen sinnvoll. Die Psychotherapie ist dabei ein sehr wichtiger Pfeiler der Behandlung. Bei Kindern und Jugendlichen sollte auch die Familie in die Psychotherapie miteinbezogen werden.

Die Behandlung der Ess-Brech-Sucht kann ambulant, in einer Tagesklinik oder stationär erfolgen. Medizinische Komplikationen wie starker Elektrolytverlust, Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus oder psychische Begleiterkrankungen wie Suizidgefahr können einen stationären Aufenthalt notwendig machen. Der stationäre Aufenthalt ist dabei immer nur Vorbereitung auf die ambulante Therapie, die Weiterbehandlung ist maßgeblich für den Erfolg der Therapie. Neben der psychotherapeutischen Betreuung spielt die Ernährungsberatung eine wichtige Rolle, um das Essverhalten zu normalisieren.

Selbst bei einem günstigen Krankheitsverlauf muss man damit rechnen, dass es Jahre dauern kann, bis es zu einer Heilung der Ess-Brech-Sucht kommt. Mit Rückfällen muss gerechnet werden. Deshalb ist eine längerfristige psychotherapeutische Betreuung von großer Bedeutung.

Verlauf der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Die Ess-Brech-Sucht beginnt meist nach der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter. Oft beginnt die Essstörung mit Diäten, während denen erstmals Heißhunger-Attacken auftreten. Manchmal beginnt eine Bulimia nervosa auch mit einer vorangegangenen magersüchtigen Phase. Diese Phase wurde dann überwunden und das Gewicht normalisiert, aber aus Angst vor weiterer Gewichtszunahme erbrechen die Betroffenen. Für den Verlauf der Ess-Brech-Sucht typisch sind auch Phasen, in denen ein normales Essverhalten besteht im Wechsel mit Phasen der Heißhunger-Attacken.

Vorbeugen vor Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa): Präventionsprogramme

Da die Psychotherapie bei der Ess-Brech-Sucht nicht immer erfolgreich ist, richtet sich das Augenmerk immer stärker auf Prävention. Um einer Bulimie vorzubeugen, muss man die Gründe und Risiken dafür kennen.

Inzwischen gibt es viele Präventionsprogramme, in denen Mädchen und junge Frauen lernen sollen, Empathie für Essgestörte zu entwickeln, um so das eigene Verhalten kontrollieren und gegebenenfalls ändern zu können. Laut Experten ist es jedoch wichtig, dass die Programme über einen längeren Zeitraum laufen, um auch wirklich greifen zu können. Zusätzlich sollen Ärzte, Apotheker und Pädagogen sensibilisiert werden, um frühzeitig Probleme zu erkennen und Hilfsangebote für Menschen mit erhöhtem Risiko bereitzustellen.

Autor: Miriam Funk
Letzte Aktualisierung: 31. März 2014
Quellen: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendphsychiatrie und ?psychotherapie: Essstörungen. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/011 (Stand: März 2003) Online-Information der Medizinischen Universität Heidelberg: http://www.anorexia-nervosa.de (Stand: November 2007) Online-Information der Rheinischen Kliniken Essen: http://www.uni-essen.de/psychosomatik/html/bulimie.html#Hintergruende (Stand: November 2007) Online-Information der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie: http://www.c-d-k.de/psychotherapie-klinik/Stoerungen/bulimie_verlauf.html (Stand: November 2007) Dr. phil. Sonnenmoser, M.: Essstörungen: Bei Prävention ansetzen. Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe Juli 2006, p. 314

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