Mittwoch, 23. April 2014

Depressionen bei Kindern

Depressionen bei Kindern
Depressionen äußern sich bei Kindern oft durch Teilnahmslosigkeit oder Desinteresse
DAK/Wigger

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen an denen Kinder und Jugendliche erkranken. 0,3 bis 2,5 Prozent aller Kinder unter zwölf Jahren zeigen depressive Symptome, bei Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren leiden etwa drei bis zehn Prozent an Depressionen.

 

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden Depressionen in drei Kategorien eingeteilt:

Depressive Episoden

Eine depressive Episode liegt vor, wenn eine gedrückte Grundstimmung mit Freud- und Interessenlosigkeit sowie einer erhöhten Ermüdbarkeit mindestens zwei Wochen lang besteht. Zusätzlich können sich weitere situations- und altersabhängige Symptome zeigen.

Wiederkehrende depressive Störungen

Von wiederkehrenden depressiven Störungen spricht man, wenn sich drei- bis zwölfmonatige depressive Episoden wiederholen. Häufig sind belastende Lebensereignisse die Ursache.

Anhaltende emotionale (affektive) Störungen

Anhaltende emotionale Störungen sind vorhanden, wenn Stimmungsstörungen länger als ein Jahr lang anhalten und Zeiträume mit normaler Stimmung maximal wenige Wochen andauern oder gänzlich fehlen.

Was sind die Ursachen für Depressionen bei Kindern?

Depressionen sind generell auf verschiedene biologische, psychische und soziale Faktoren zurückzuführen. Oft gibt es aber kritische Lebensereignisse, die konkrete Auslöser einer depressiven Störung sein können. Bei Kindern und Jugendlichen sind dies häufig:

  • Tod von Mutter, Vater oder Geschwistern
  • Missbrauch
  • Vernachlässigung durch die Eltern
  • Scheidung  oder Trennung der Eltern
  • Chronische Krankheit der Eltern

Wie äußern sich Depressionen bei Kindern?

Depressionen können sich bei Kindern und Jugendlichen je nach Altersabschnitt auf unterschiedliche Weise äußern.

Säuglinge - erstes Lebensjahr

Kinder können bereits im ersten Lebensjahr depressive Symptome entwickeln, beispielsweise durch den Verlust einer Bezugsperson oder einem generellen Mangel an Zuwendung. In diesem Alter kann sich die kindliche Depression durch Teilnahmslosigkeit und eine herabgesetzte Empfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen äußern. Zudem kann es zu einer "psychosozialen Gedeihstörung" kommen, das heißt das Kind wächst aufgrund fehlender Geborgenheit verzögert, nimmt weniger an Gewicht zu und entwickelt sich seelisch, sozial und motorisch langsamer als gesunde Kinder.

Kleinkinder - zweites bis drittes Lebensjahr

Bei Kleinkindern können sich Depressionen durch folgende Anzeichen zeigen:

  • Verzögerte körperliche, seelische, soziale und motorische Entwicklung
  • Traurige Grundstimmung
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Einschlaf- und Durchschlafprobleme
  • Gestörtes Essverhalten
  • Erhöhte Anhänglichkeit und vermehrtes Jammern
  • Teilnahmslosigkeit, Spielunlust und Phantasielosigkeit
  • Nächtliche Ängste und Alpträume
  • Auffallend ausgeprägtes Daumenlutschen, Kopfschaukeln oder Onanieren
  • Selbstverletzung

Kindergartenkinder - viertes bis sechstes Lebensjahr

Die Symptome von Depressionen im Kindergartenalter sind denen im Kleinkindalter sehr ähnlich. Depressive Kindergartenkinder haben oft eine starke Trennungsangst und eine verminderte Selbstständigkeit. Sie sind zum Teil sehr in sich gekehrt, aggressiv oder launisch. Freudlosigkeit beim Spielen, vermehrtes Streiten und Schlagen können weitere Anzeichen einer Depression sein. Häufig leiden diese Kinder unter Kopf- oder Bauchschmerzen.

Depressive Kindergartenkinder zeigen teilweise auch Verhaltensweisen aus früheren Entwicklungsphasen, wie zum Beispiel Daumenlutschen oder Bettnässen. In einigen Fällen äußern bereits Drei- bis Sechsjährige, dass sie glauben, ungeliebt und vernachlässigt zu sein und dass sie mit niemandem spielen möchten.

Schulkinder - siebtes bis zwölftes Lebensjahr

Bei Schulkindern gleichen die depressiven Symptome bereits den Anzeichen von Depressionen im Erwachsenenalter. Die Kinder sind niedergeschlagen, verzweifelt und ängstlich. Häufig sind auch unangebrachte Schuldgefühle oder Selbstkritik sowie Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen. Infolgedessen leiden oft auch die schulischen Leistungen.

Kopf- und Bauchschmerzen, Essstörungen, Aggressivität und übermäßiges Herumhampeln können weitere Anzeichen von Depressionen bei Schulkindern sein. Ab diesem Alter treten in schweren Fällen erstmals Selbstmordgedanken und -versuche auf.

Jugendliche - 13. bis 18. Lebensjahr

Die Symptome von Depressionen bei Jugendlichen lassen sich oft schwer von Eigenschaften, die als Teile des normalen jugendlichen Verhaltens gelten, unterscheiden. So können eine starke Launenhaftigkeit und generelle Unzufriedenheit unter Umständen Anzeichen einer jugendlichen Depression sein. Weitere Merkmale sind ein vermindertes Selbstvertrauen, Teilnahmslosigkeit, Angst sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.

Depressive Jugendliche neigen verstärkt zu Alkohol- und Drogenkonsum und sind häufig aggressiv. Kopf- und Bauchschmerzen, Schlaf- und Essstörungen bis hin zu Bulimie oder Magersucht (Anorexie) können klare Anzeichen einer Depression sein. Manche depressiven Jugendlichen haben auch ein auffällig gesteigertes Schlafbedürfnis, was jedoch nicht immer ein Kriterium für das Vorliegen einer Depression ist.

Selbsttötungsabsichten sind im Jugendalter sehr häufig. Besonders im Alter zwischen 15 und 19 Jahren kommt es bei depressiven Jugendlichen vermehrt zu Selbstmordversuchen.

Wie werden Depressionen bei Kindern diagnostiziert?

Vor allem bei Säuglingen, Klein- und Kindergartenkindern ist es oft sehr schwer Depressionen zu diagnostizieren, da sie sich nicht in der gleichen Form wie ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene mitteilen können. Deshalb ist es für Psychotherapeuten meistens sehr hilfreich mit Eltern, anderen nahe stehenden Angehörigen, aber auch mit Kindergärtnern und Lehrern der Betroffenen zu sprechen. Sofern der Verdacht auf eine depressive Erkrankung des Kindes besteht, ist es daher sinnvoll, wenn diese Personen verstärkt auf Verhalten und Äußerungen des Kindes achten, aber auch auf die eigenen Gefühle und Verhaltensweisen gegenüber dem Kind.

Körperliche Untersuchungen des Kindes oder Jugendlichen in Bezug auf Kopf- oder Bauchschmerzen sowie Schlaf- und Essstörungen können weitere Anhaltspunkte für das Vorliegen von Depressionen liefern. Darüber hinaus können Depressionen zum Teil auch die Folge von Infektionskrankheiten oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus sein (symptomatische Depression), was eine körperliche Untersuchung sinnvoll macht.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Kinder mit Depressionen?

Als erster Ansprechpartner dient der Kinder- oder Hausarzt, der weitere Maßnahmen einleiten oder den Fall an einen Spezialisten vermitteln kann. Hilfe bietet auch unser Leitfaden für Angehörige von Menschen mit Depressionen.

Bei leichten Depressionen ist zunächst eine psychologische Beratung die erste Maßnahme. Sollte dies keinen Erfolg zeigen oder liegen bereits Depressionen mittlerer Schwere vor, sind psychotherapeutische Behandlungen, wie die "Kognitive Verhaltenstherapie" und die "Interpersonelle Psychotherapie", die empfohlenen Maßnahmen. Bringen auch diese Therapien alleine keinen Erfolg, ist die zusätzliche "unterstützende Familientherapie" sinnvoll. In schweren Fällen werden therapiebegleitend Medikamente eingesetzt. Besonders für kleine Kinder sind außerdem Spieltherapien oder Mutter-Kind-Trainingsprogramme gut geeignet.

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie soll die Denkweise der Betroffenen geändert werden. Dabei werden Gespräche über belastende Situationen und negative Gedanken geführt, die Betroffene zu diesem Zweck täglich protokollieren. Der Therapeut versucht durch gezielte Fragen die negative und "krankhafte" Denkweise der Depressiven zu ändern.

Die interpersonelle Psychotherapie zielt darauf ab, die gegenwärtige Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern und den Umgang mit anderen Menschen im Alltag zu erleichtern. Dabei werden zum Beispiel Verlusterfahrungen sowie aktuelle zwischenmenschliche Konflikte und soziale Probleme besprochen.

Bei der unterstützenden Familientherapie werden weitere Familienmitglieder mit in die Therapiegespräche einbezogen, um familiäre Zusammenhänge zu den Symptomen aufzuklären aber auch, um den Umgang mit der Krankheit innerhalb der Familie zu schulen zu verbessern.

Die Behandlung mit Medikamenten erfolgt durch "trizyklische Antidepressiva" oder so genannte "Serotonin-Wiederaufnahmehemmer". Trizyklische Antidepressiva können gezielt antriebssteigernde, -hemmende oder angstlösende Effekte haben. Bei Kindern ist der Einsatz dieser Psychopharmaka jedoch umstritten. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verhindern die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin an den entsprechenden Nervenzellen und können so zum Teil depressive Symptome lindern. Auch hier gibt es unterschiedliche Studien und Meinungen zum Einsatz bei Kindern. Unter anderem besteht der Verdacht, dass sie mit einem erhöhten Selbstmordrisiko in Zusammenhang stehen.

Zu Spieltherapien gibt es verschiedene Ansätze, jedoch steht dabei das Spielen als Ausdrucksmöglichkeit des Kindes im Vordergrund. Mutter-Kind-Trainingsprogramme haben das Ziel, die Beziehung zwischen Mutter und Kind zu verbessern.

Wie verlaufen Depressionen bei Kindern?

Depressionen bei Kindern können sehr unterschiedlich verlaufen. Ein häufiges Problem ist aber, dass Kinder und Jugendliche die Krankheit aus Scham verleugnen. Zudem ist es oft schwierig zu beurteilen, ob eine Depression vorliegt oder ob es sich um normale Probleme einer bestimmten Lebensphase handelt, da die Grenzen zum Teil fließend sind.

Kann man Depressionen bei Kindern vorbeugen?

Eine allgemeingültige Lösung um Depressionen bei Kindern vorzubeugen gibt es nicht. Bei Verdacht auf depressive Symptome ist es wichtig, dem Kind zu zeigen, dass die Probleme nicht egal sind und man bereit ist zuzuhören. Sollte sich der Verdacht erhärten, ist es ratsam das Kind dennoch nicht einzuengen. Zu viel Nähe kann zum Teil sogar die Stimmung noch verschlechtern. Stattdessen sollte möglichst schnell professionelle Hilfe herangezogen werden.

Autor: Christian Emmerling
Letzte Aktualisierung: 13. Mai 2013
Quellen: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Depressive Störungen und Rezidivierende depressive Störungen und Anhaltende affektive Störungen Nr. 028/005 (Stand: November 2006); Stiftung Warentest (Hrsg.): Depressionen überwinden. Niemals aufgeben! Stiftung Warentest, Berlin 2008; Online-Informationen des Deutschen Bündnis gegen Depression e.V., Leipzig: www.buendnis-depression.de (Stand: Februar 2009)

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