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Sonntag, 26. Oktober 2014

Schütteltrauma des Säuglings (Babyschütteln)

Schütteltrauma des Säuglings (Babyschütteln)
Erschöpfung und Überforderung der Eltern können im schlimmsten Fall zu einem Schütteltrauma führen
(c) Getty Images/Hemera

Das Schütteltrauma beim Säugling bezeichnet ein Schädel-Hirn-Trauma, welches durch heftiges Schütteln des Babys verursacht wird. Das Kind wird dabei an Armen oder Brustkorb festgehalten und der Kopf des Kindes hin und her geschleudert, wobei es zu Verletzungen des Gehirns kommt.

Ein Schädelhirntrauma führt in zwölf bis 27 Prozent der Fälle zum Tod. Besonders Kinder unter sechs Monaten sind aufgrund des überproportional großen Kopfs und der schwachen Nackenmuskulatur sehr verletzlich.

Ein Schütteltrauma tritt gehäuft bei Kindern zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat auf. Das Schütteltrauma des Säuglings kommt in allen Bevölkerungsschichten vor und ist keinesfalls nur auf sozial schwache Familien begrenzt, in welchen beispielsweise Alkohol- oder finanzielle Probleme vorherrschen.

Wie wird ein Schütteltrauma verursacht?

Ein Schütteltrauma wird durch kräftiges Hin- und Herschütteln des Kindes verursacht, wobei der Kopf nach vorn und zurück geschleudert wird. Ein Schütteltrauma kann ebenfalls durch Schütteln und anschließendem Aufschlagen des Kopfs auf eine harte Fläche hervorgerufen werden. Durch die ruckartigen Bewegungen kommt es zu schweren Hirnverletzungen.

Durch das Schütteln wird das Gehirn durch Dreh- und Scherkräfte schwer verletzt. Durchblutungsstörungen und unterbrochene Nervenbahnen führen zu einem Hirnödem, welches mitunter erst Wochen später Symptome verursacht und selbst nicht durch eine Computer- oder Magnetresonanz-Tomographie sichtbar wird. Durch solche bildgebenden Verfahren kann erst zu einem späteren Zeitpunkt abgestorbenes Hirngewebe dargestellt werden.

Oft ist das gewalttätige Schütteln des Kindes ein Versuch, ein unruhiges Kind oder Schreibaby zu beruhigen. In diesem Akt wird die gestörte Eltern-Kind-Beziehung deutlich. In vielen Fällen ist eine Misshandlung dieser Art kein einmaliges Ereignis, sondern kommt in der betroffenen Familie häufig vor.

Welche Symptome gibt es bei einem Schütteltrauma des Säuglings?

Symptome nach einem Schütteltrauma sind vielfältig. Neben Schreckhaftigkeit, Trinkschwäche, Schläfrigkeit, verstärktem Unwohlsein und Unruhe können die Hirnverletzungen zu Apathie, epileptischen Anfällen, Erbrechen sowie Herzrhythmusstörungen und Atemstörungen bis hin zu Atemnot und zum Tod führen. Auch wenn es direkt nach dem Schütteln nicht zu sichtbaren Symptomen kommt, kann das Trauma zu neurologischen Langzeitschäden führen, welche sich erst einige Zeit später äußern. Solche Langzeitschäden sind Seh- und Sprachstörungen sowie Entwicklungsverzögerungen, Behinderungen und Tod. Daher wird die Gesamtsterblickeit eines Schütteltraumas des Säuglings auf 90 Prozent geschätzt.

Wie wird ein Schütteltrauma diagnostiziert?

Die Diagnose eines Schütteltraumas beim Säugling wird oft erst spät gestellt, da zum einen die möglichen Symptome zunächst auf andere Erkrankungen wie Infekte schließen lassen. Zum anderen wird die Diagnose dadurch erschwert, dass die Eltern keine Angaben zum vorausgegangenen Schütteln des Kindes machen, unklare Erklärungen zu möglichen Ursachen benennen und ihr Kind erst relativ spät wegen Erkrankungsanzeichen einem Arzt vorstellen.

Hinweise auf ein vorausgegangenes Schütteltrauma können bereits bekannte Fälle von Kindesmisshandlung oder Kindstod sowie vergangener oder bestehender Kontakt mit der Jugendhilfe in der betroffenen Familie sein.

Eine genaue Diagnose kann aufgrund von drei Beobachtungen getroffen werden:

  • Blutungen (Hämatom) und Flüssigkeitsansammlungen (Hygrom) zwischen Hirnrinde und Gehirn
  • Blutungen in der Netzhaut des Auges
  • Keine Hinweise auf äußere Verletzungen und Fehlen deutlicher Erklärungen der Eltern zur möglichen Ursache

Eine Computer- oder Magnetresonanz-Tomographie ermöglicht die bildliche Darstellung der Veränderungen im Gehirn. In einigen Fällen und wenn das Schütteln noch nicht allzu lange zurück liegt, sind auf der Brust oder an den Armen des Säuglings Hämatome sichtbar, die vom Festhalten während des Schüttelns herrühren. Weiterhin können frische oder alte Knochenbrüche Hinweis auf vorangegangene Misshandlungen sein und den Verdacht auf ein Schütteltrauma erhärten.

Wie wird ein Schütteltrauma des Säuglings behandelt?

Die Behandlung eines Schütteltraumas beim Baby hängt von dem jeweiligen Befund bei Vorstellung des betroffenen Säuglings bei einem Arzt ab. Bei akuter Lebensgefahr werden lebenswichtige Funktionen stabilisiert und ein eventueller Schock behandelt. Hirnblutungen können eventuell operativ behandelt werden. Der betroffene Säugling wird stationär für mindestens 24 Stunden beobachtet, um bei Komplikationen direkt eingreifen und behandeln zu können. Um Durchblutungsstörungen im Gehirn durch Sauerstoffmangel vorzubeugen, muss das Kind mit Sauerstoff versorgt werden. Eventuelle Verletzungen durch vorangegangene Misshandlungen müssen entsprechend behandelt werden. Ist das Kind sehr unruhig und nervös, können Beruhigungsmittel verabreicht werden. Langzeitschäden wie epileptische Anfälle können mit Medikamenten therapiert werden. Andere Schäden wie Entwicklungsstörungen können später nur durch gezielte Förderung zum Beispiel der Sprachentwicklung behandelt werden.

Die Eltern des betroffenen Babys sollten über die Behandlung und die Untersuchungsergebnisse informiert werden. Da ein Schütteltrauma des Säuglings immer durch Gewalteinwirkung hervorgerufen wird, ist es wichtig, den Kontakt zu den Eltern im offenen Gespräch zu suchen und gegebenenfalls psychologische Hilfe hinzuzuziehen. Für das weitere Vorgehen ist relevant, ob die Eltern fähig sind, über ihr Verhalten ehrliche Auskunft zu geben. Wenn die Entstehung eines Schütteltraumas des Säuglings nicht geklärt werden kann und die Eltern des betroffenen Kindes eine Aussage verweigern, muss unbedingt die Jugendhilfe hinzugezogen werden.

Vorbeugen

Einem Schütteltrauma des Säuglings können vorwiegend die Eltern vorbeugen, indem sie sich um Hilfe bemühen, wenn sich Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltags mit dem Neugeborenen anbahnen. Eltern eines Schreibabys können sich beispielsweise an eine Schreiambulanz wenden (Adressen finden Eltern hier) oder an einen Kinderarzt. In der Schreiambulanz erfahren Mütter und Väter Hilfe im Umgang mit dem Kind. Oft werden Problemsituationen, die zu einer Überforderung der Eltern führen, verdrängt oder ignoriert, bis sich die betroffenen Eltern nicht mehr anders zu helfen wissen und das vermeintlich ungehorsame Kind durch gewaltsames Schütteln zum Stillsein bringen wollen.

Es kommt jedoch ebenfalls in einigen Fällen vor, dass das Schütteln nur eine weitere Form der Kindesmisshandlung ist und der Säugling vorher bereits auf andere Art und Weise misshandelt wurde.

Autor: Sarah Liebigt
Letzte Aktualisierung: 20. März 2014
Quellen: Aksu, F.: Neuropädiatrie. Uni-Med, Bremen 2008; Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/034 (Stand: November 2006); Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. de Gruyter, Berlin 2007; Sitzmann, F. C.: Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2007

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